Anflug minus 16 Koffer

Unsere Reise nach Spanien beginnt mit einer seltsamen Ankündigung des Flugkapitäns an Bord unserer Maschine nach Malaga: „Unser Abflug verzögert sich leider noch etwas, da wir 16 Gepäcksstücke wieder ausladen müssen. Einige Personen haben sich entschlossen, die Reise heute nicht anzutreten.“ Verwunderung allseits – welche Idioten checken ihr Gepäck ein, um dann doch nicht mitzufliegen??? Ich denke kurz an einen möglichen Defekt des Fliegers, verwerfe den Gedanken aber bald wieder als wenig hilfreich und versuche, ein Wenig zu dösen. Die vergangene Nacht war kurz und nicht besonders schlafintensiv: Ich leide an typischem „Vorfreudeaufregungnichtschlafenkönnenundsichmindestens hundertmalherumwälzen“. AUA schafft es jedenfalls in erstaunlich kurzer Zeit, das Auslade-Problem zu lösen und es geht endlich los.

Nach einiger Zeit flüchtet eine Frau von hinten auf den neben mir freigebliebenen Sitz und berichtet von feucht-fröhlich-nervenden Zuständen in den letzten Reihen. Die Besitzer der 16 wieder ausgeladenen Teile scheinen schon am Flughafen in Wien dermaßen alkoholisiert gewesen zu sein, dass man es wahrscheinlich vorgezogen hat, sie erst gar nicht nicht an Bord zu lassen. Es ist Beginn der Osterferien, eine Restgruppe der unfreiwillig Abtrünnigen befindet sich jetzt grölend im Heck und weigert sich, Maske zu tragen. Es ist immer noch Coronazeit und Maskenpflicht an Bord. Nun gut, der großangelegten Zufuhr von alkoholischen Getränken ist das zugegebenermaßen nicht besonders förderlich. Zum Glück sitzen wir in der Mitte und haben davon bislang nichts mitgekriegt

Ein äußerst gut gelaunter Kapitän zeigt uns den verschneiten Großglockner auf der rechten und die drei Zinnen auf der linken Seite und belohnt uns mit einem spektakuläten Anflug über die Sierra Nevada, hinunter in weitem Bogen über das Meer, wo er lange sehr tief fliegt und ich mir schon Sorgen mache, dass wir bei der nächsten Kurve mit einem Flügel an der Wasseroberfläche kratzen oder dem unmittelbar unter uns dahintuckernden Frachtschiff einen Besuch abstatten würden. Ich freue mich über eine letztendlich meisterhaft geglückte Landung (es gibt sogar Applaus 😉 ebenso wie über die Tatsache, dass mein Handgepäck auch tatsächlich mitgekommen ist. Weil der Flieger so voll war, wurde gebeten, möglichst Alles – kostenlos – einzuchecken: „Bitte das Köfferchen einfach in der Kurve zum Flugzeugeingang abstellen.“ Und dann in guter Hoffnung verharren. Ging ja gut – diesmal zumindest.

Weiß ist relativ und kalt ist ziemlich

Ich bin mit meinem Mann unterwegs und unsere erste Station ist eines der typischen romantischen, weißen Bergdöfer Andalusiens. Nur von weiß kann jetzt gerade keine Rede sein: ein Unwetter hat tonnenweise Saharasand über das Meer verfrachtet und alles mit einem leuchtenden Rostrotton überzogen. Überall sieht man Menschen wischen, putzen und kärchern – damit die berühmten Dörfer für die Touristen bald wieder in gewohntem, sattem Weiß erstrahlen können. Die steingepflasterte, steile Hauptstraße des alten Ortskerns von Frigiliana ist für solche Wassermassen nicht ausgelegt, es ist hier dermaßen rutschig, dass man aufpassen muß, sich nicht den Hals zu brechen. Mein Mann kann sich nach einem kleinen Aufsitzer mit der Hand gerade noch abfangen, ich krieche in Zeitlupentempo die Gasse hinunter und schaffe es sogar ohne unerwünschten Bodenkontakt. Zwei Tage lang hört man unentwegt den Kärchermotor laufen. Das nervt. Aber dafür ist der Ausblick großartig: dunkelrote Ziegeldächer, grüne Berge, und dahinter das blaue Meer – man sieht bis zum Küstenort Nerja hinunter. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint, alles traumhaft. Wir sind weit weg vom noch immer wintergrauen Wien und saugen die spanische Frühlingsluft dankbar ein.

Wir wohnen für vier Tage in einer schnuckelig kleinen Altstadtwohnung mit mehreren Zimmerchen, einer Dachterrasse und steilen, engen Treppen – alles mini klein und perfekt, um sich den Kopf anzuhauen. Was uns auch immer wieder mal gelingt. Im Sommer ist das sicher der perfekte Ort, um der spanischen Hitze zu entfliehen, kurz vor Ostern im April jedoch einfach nur saukalt. Die dicken Mauern werden einfach niemals warm, die Fenster sind klein und dafür ausgelegt, möglichst wenig Sonne nach innen zu lassen. Wir reißen alle Fenster und Türen weit auf, doch trotz Sonnenscheins und angenehmer Tagestemperaturen wird es innen einfach nicht warm, und schon gar nicht gemütlich. Wenn die Sonne untergeht, fällt die Kälte gnadenlos ein. Wir schlichten alle Decken, die wir finden können übereinander und schlafen in voller Montur. Ich habe nur einen einzigen (weißen) Sweater mitgebracht. Ein Fehler. Das erste was ich mir in unserem Spanienurlaub kaufe, ist ein Anorak, ohne Ärmel, aber gut gefüttert. Der rettet mir das Leben.

Wir finden unsere „neue Heimat“ in einer Tapas Bar der besonderen Art. Schon beim ersten Umherstreifen ist uns diese kleine Oase aufgefallen. Coole Musik, geschmackvolle Einrichtung, ein Platz um sich gemütlich niederzulassen – eine Vinothek mit einer ausgesuchten Jazz-Plattensammlung! Vinyljuwelen stehen in einer kleinen Nische, mein Mann ist vollauf begeistert. Die Besitzerin erzählt, dass ihr Freund DJ ist und die Platten ihm gehören, jetzt gerade ist er in London. Hier fühlen wir uns wohl. Wir kosten uns durch Empanadas, Spargel, Oliven, Öl und diverse Weine und lassen relativ viel Geld da. Aber was soll’s – ein Wohlfühlabend, der sich später noch einmal wiederholen sollte.

Gewagte Fahrmanöver durch enge Gassen

Am nächsten Tag schieben sich schon die ersten Touristengruppen an unserem Frühstücks-Tisch vorbei, folgen einem fähnchenschwenkenden Anführer und fotographieren alles, was sie vor die Linse kriegen: weiße Häuser, Treppen, Pflaster, Fliesen, Balkone, Blumenschmuck,… Wir sitzen in einem kleinen Cafe – vier Tische auf einer mini Terrasse, davor liegt die enge Haupt-Gasse, durch die aller Fuß- und auch Wagen-Verkehr führt. Wir beoachten erstaunliche Fahrmanöver, millimetergenaue Präzisionsarbeit mit glegentlichen Seitenspiegeleinklappungsaktionen. Auch ich mußte am Tag zuvor mit unserem Mietauto durch diese Gasse zu unserem Quartier zufahren und freute mich, dass wir uns für keinen größeren Wagen entschieden hatten. Man fährt quasi mitten durch die kleinen Obst-Geschäfte und Souvenirläden durch, Passanten drücken sich abenteuerlich, abrupt in Hauseingänge oder diverse Nischen, aber irgendwie geht sich letztendlich alles aus.

Wir flüchten nach dem Kaffee gleich mal in höhere Sphären, steigen bergan und freuen uns über den Ausblick. Ein älterer Mann lädt uns in seinen Garten ein und beschenkt uns mit Avokados: er hat so viele, dass er gar nicht weiß, wohin damit. Sie erweisen sich als die köstlichsten, die wir jemals gegessen haben. Wir erklimmen einen Hügel mit noch grandioserer Aussicht, gehen eine Zeitlang entlang einer Wasserleitung mit Blick in eine Schlucht, steigen viele, viele Treppen und freuen uns über die wunderschöne Natur.

Nach vielen Schritten und zurückgelegte Stockwerken (zum Glück informiert uns ja eine App über unsere tolle Leistung! 😉 lassen wir uns auf unserer kleinen Dachterrasse nieder. Diese entpuppt sich als der gemütlichste und wärmste Ort und dort fühlt es sich wirklich an wie Urlaub im Süden. Großartig!

Noch nie habe ich mich bei einer Reise so gefühlt, als wäre ich plötzlich in der Vergangenheit gelandet. Ja, in Afrika, wenn die Unterkunft oder das Essen recht einfach war, oder in der Bretagne, als man uns auf einem Bauernhof einmal für drei Tage eine Trockentoilette zumutete, war das auch eher „von gestern“. Aber das meine ich nicht. Das läuft unter kulturell oder regional bedingte Unterschiede. Meine Reise nach Stockholm in diesem Dezember 2021 war eine Reise in eine hochmoderne Welt, in der alles ganz „normal“ war. So wie bei uns früher. Alle Geschäfte sind geöffnet und gut frequentiert, die Menschen amüsieren sich bei einem Bier und sitzen dicht gedrängt an der Bar, die Restaurants haben Hochbetrieb und die Kellner wuseln herum, wie eh und je, als ob nichts wäre.

Nicht einmal in der U-Bahn tragen die Leute Masken. Auch nicht am Flughafen. Lediglich eine Empfehlung existiert in Form von gelben Schildern oder Aufklebern: „Halten Sie 2m Abstand“ oder „Tragen Sie einen Mund-Nasenschutz“. Daran halten tun sich die Wenigsten. Und wie soll man bitte vor einem Security-Check-Schalter jemals 2m Abstand zum Nächsten halten, wenn man sich inmitten einer Menge von etwa 200-300 Menschen befindet, die alle innnerhalb der nächsten 1, 2 Stunden irgendwohin fliegen wollen? So groß ist kein Flughafengebäude. Jedenfalls nicht das in Stockholm.

Wie sich das anfühlt, brauche ich wohl niemandem zu beschreiben. Erstmal großartig. Zumal wir gerade aus einem Wien kommen, das sich im totalen Lockdown befindet. Wir spazieren durch die hübschen, weihnachtlich dekorierten Straßen und sind erstaunt darüber, dass nicht nur alle Geschäfte offen sind, sondern auch alle Eingangstüren zu den Shops. Sperrangelweit, wie im Hochsommer. Und das bei minus vier Grad.

Nordische Frischluftkur

Frischluft ist schon mal eine gute Variante, um Virenlasten zu verdünnen. Das scheint hier zumindest im Handel ganz gut zu funktionieren. In den Restaurants und Bars hingegen ist mir das nicht so ganz nachvollziehbar. Gasträume sind zwar meist professionell entlüftet, aber das auch nur in größeren Häusern. Ich bin jedenfalls trotzdem ein wenig vorsichtig, wenn es dicht wird. In der U-Bahn fühle ich mich ohne Maske fast nackt, richtig strange ist das, aber für mich fühlt es sich anders besser an, also setze ich dort das Ding eben auf. Am Flughafen sowieso. Aber dazwischen genieße ich die Freiheit und die Lebendigkeit dieser Stadt. Menschen, die sich zuhauf ungezwungen in einem Lokal amüsieren, wann habe ich das zuletzt gesehen? Im Sommer vielleicht, in einem Gastgarten, ja, in Kroatien…. auch schon eine Weile her.

Das schwedische Wunder, angeblich wissen es die obersten einheimischen Virengurus auch nicht, wieso das dort so geht, die Impfrate ist nämlich erstaunlicherweise gar nicht so außergewöhnlich hoch. Vielleicht kommt sie ja noch die Welle, aber darüber will ich weder schreiben noch spekulieren. Ich selbst bin jedenfalls dreimal geimpft und fühle mich einigermaßen geschützt. Ich bin riesig froh, diese Reise unternehmen zu können und nehme mir einen Teil dieses ungezwungenen, freien Gefühls mit nach Hause und genieße es vor Ort in vollen Zügen. Als passionierte Reiserin in südliche Gefielde tut es mir fast leid, dass ich diese wunderbare Stadt nicht schon früher entdeckt habe. Auch wenn es kalt ist und die Sonne schon um 15:00 untergeht. In Stockholm ist es im Winter lange stockfinster und ich habe nach drei Stunden Dunkelheit schon um 18:00 das Gefühl, es wäre an der Zeit, bald schlafen zu gehen. Hell wird es auch erst um 8:15, da lohnt es sich auch nicht einmal, früh aufzustehen. Aber egal.

Die Stadt im Wasser

Ich habe eine neue Liebe gefunden, und zwar dort, wo ich sie niemals vermutet hätte, im hohen Norden. Diese großartige Stadt muß unbedingt noch öfter bereist werden. Die Lage am Wasser ist einzigartig, die Stadt verteilt sich über 14 Inseln. Überall gibt es Wasser und Brücken, aber anders als in Amsterdam, Venedig oder Kopenhagen sind das keine Kanäle, hier ist Inselhopping angesagt. Die Gebäude sind prunkvoll und mit vielen Türmchen ausgestattet, die Altstadt und die angrenzenden Stadtteile sind malerisch, man kann endlos durch Gassen schlendern und einfach nur schauen. Es gibt auch noch viele alte Häuschen aus Holz, was mich persönlich besonders begeistert, da ich solche ja sehr gern male. Die Geschäfte und Lokale sind sorgfältig, geschmackvoll und ideenreich dekoriert, und man fühlt sich dort gleich wohl. Beim Betreten einer Gaststube wird sofort unaufgefordert Wasser serviert, oder es steht ein Behältnis zur Verfügung, wo man sich welches holen kann, und das natürlich gratis.

Ich bin mit meiner Tochter unterwegs, der ich zum 20. Geburtstag diese Reise geschenkt habe. Nicht ganz uneigennützig (LOL). Wir lieben es, zu zweit fremde Städte auszukundschaften (wobei mir die Shopping Komponente weitaus weniger wichtig ist als ihr ;-). Mittlerweile hat sie ein Alter erreicht, wo sie auch für Museen zu begeistern ist, gerne einfach mit mir durch die Straßen schlendert, Eindrücke sammelt und Fotos macht. Und wir können zwischendurch auf einen Drink gehen und über Gott und die Welt plaudern. Love it.

Fotografiska und der schönste Ausblick von Welt

Die Zeit vergeht wie im Flug. Altstadt, Bürgerhäuser, Königspalast, liebevoll renovierte Holzhäuser, Blumen- und Weihnachtsmärkte, eine historische Markthalle,… Drei Tage sind definitiv zu wenig, allein die Kälte setzt der Entdeckungslust ein wenig entgegen. Schön, dass man sich für eine Weile in ein Cafe oder ein Museum zurückziehen kann, z.B. in das „Fotografiska“, Museum für Fotografie – untergebracht in einem denkmalgeschützten Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert. Ich liebe solche Bauten, außen völlig romantisch retro und im Inneren hypermodern. Eine Videoinstallation von „shaking cats & dogs“ in mega Zeitlupe begrüßt und amüsiert uns, schlabbernde Möpse und Bulldoggen, Fellmonster und Haarkönige. Die mehrere Themen umfassende Ausstellung ist nicht sonderlich groß (echt tolle Fotografien und Videoinstallationen!) dafür aber umso beeindruckender, sie wird aber noch überragt vom Ausblick aus den riesigen Panoramafenstern des Museumsrestaurants auf die gegenüberliegende Stadtinsel bei Sonnenuntergang. Leider werden wir verscheucht, weil wir nur einen Kaffee trinken wollen, für ein Abendessen ist es uns um 15:15 eindeutig zu früh, doch nächstes Mal würde ich das sicher dahingehend timen, nur um dort sitzen und den großartigen Ausblick genießen zu können.

Wir kehren hundemüde mit einigen (Shopping-) Beutestücken in unser Hotel zurück, wo wir die Zeit bis zum Abendessen überbrücken (also, früher als 18:00 geht gar nicht) und kriechen in unsere Betten, wo man nach einer etwa 30 minütigen Heißwasserdusche ein wenig Komfort finden und genießen kann. Das Haus ist alt, dafür in einer Top-Lage. Es zieht und es ist kalt im Zimmer. Die Frischluftversorgung ist auf jeden Fall garantiert.

 Kötbullar ist kein Schimpfwort

Der kulinarische Höhepunkt unserer schwedischen Reise, das erste warme Essen innerhalb der letzten zwei Tage steht unmittelbar bevor: „Köttbullar“ – für meinen Mann, einen „Ikea-Restaurant-Hasser“ ein Schimpfwort – zu unrecht, wie ich hier anführen möchte!! Diese hier sind ein Gedicht aus Elch- und Rentierfleisch in sämiger Sahnesause mit flockigem Kartoffelpüree und frischen (!) Preiselbeeren, besser bekannt als Cranberries. Herrlich, himmlisch, hervorragend. Beim Bezahlvorgang streikt meine Bankomat-Karte, wahrscheinlich will auch sie ihren Unmut über die astronomischen Preise zum Ausdruck bringen. Ein Glas Wein kommt etwa auf umgerechnet Eur 11.50, dafür ist es mehr als ein Achterl, wahrscheinlch 0,2 l. Ich habe ja eh vorsorglich nur eines getrunken!! Zum Glück hat meine erwachsene Tochter auch noch eine Bankomatkarte dabei, Bargeld besitzen wir keines, es würde ohnehin wahrscheinlich nicht akzeptiert. In Schweden zahlt man alles mit Karte, vom Glögg am Punschstand bis zum Großeinkauf im Möbelgeschäft.

Fast wie am Nordpol

An unserem letzten Tag steht noch ein Ausflug ins Winterwonderland bevor. Nach nur 10 Minuten Fahrt mit der Fähre, die Teil des umfangreichen öffentlichen Verkehrsnetzes ist, erreicht man die Insel Djurgarden, die im Sommer zum Pickniken und Spazieren oder in den hypermodernen Luna Park einlädt, jetzt aber der ideale Ort ist, um (vor)weihnachtliches Feeling aufkommen zu lassen. Wir besuchen das Freilichtmuseum „Skansen“, ein absolutes Highlight unserer Winterreise. Wir haben Glück. dass es vor einigen Tagen geschneit hat und alles wunderweiß angezuckert ist. Dafür ist die Kälte ja gut – dass sich nicht gleich alles in „Gatsch“ verwandelt, wie meistens nach einem Schneefall in Wien.

Ein gewisser Herr Skansen hat vor vielen Jahren alte Holzhäuser in ganz Schweden vor zerstörendem Abriß bewahrt und auf dieser Insel wieder aufstellen lassen. So entstand ein richtiges Dorf, durch das man schlendern kann, mit einem Tierpark, wo natürlich auch Elche und Rentiere zu bewundern sind. In einigen Häusern wird alte Handwerkskunst demonstriert: in der Glasbläserhütte können wir zusehen, wie die schönen mundgeblasenen Weihnachts-Kugeln gemacht werden. Ziemlich aufwändig ist das und es erfordert viel Fingerspitzengefühl und Geduld.

Das Gelände ist pittoresk, weitläufig, hügelig und baumreich – und um Einiges kälter als in der Stadt. Vor jedem potentiellen Fotomotiv überlegen wir uns gut, ob es sich lohnt, die Handschuhe auszuziehen…? Mittendrin befindet sich der riesige, wunderschöne Weihnachtsmarkt. Hier findet man kaum Kitsch, sondern geschmackvolle und sinnvolle Sachen, jede Menge Textilien (gestrickt, genäht, gehäkelt, gefilzt…), Kerzen (hübsch :-), Spielzeug, Geschirr und Keramik (auch hübsch :-), mundgeblasene Glaskugeln (megahübsch :-!) und so weiter und so fort. Alles ziemlich brauchbar und das Meiste echt schön. Jede Menge Delikatessen gibt es natürlich auch, von unzähligen Käse- und Brotsorten, Süßigkeiten (herrliche Zimtschnecken!!!), bis zum Rentierschinken und süßem, wundervoll heißen Glogg. Den benötigt man bei diesen Temperaturen unbedingt! Bei Sonnenschein hat es minus drei Grad, fühlt sich aber noch um Einiges kälter an. Das erste, was man sinnvollerweise macht, um hier etwas länger überleben zu können ist, sich warme Boots mit dicker Sohle zu kaufen. Das ist schon mal die halbe Miete. Yes, we did it!

Plastikgeld ist doof

Für einen Rentierschinken reicht unser (Plastik-) Geld gerade noch. Bei der Rückfahrt mit der blauen Straßenbahn streikt leider auch die Bankomat Karte meiner Tochter. Unser 24 Stunden Ticket ist vor ca.15 Minuten erst ausgelaufen und der Schaffner läßt Milde vor Gerechtigkeit walten. Beim anschließenden Kaufversuch zweier Teetassen in einem Deko-Store müssen wir uns endgültig geschlagen geben, keine der beiden Karten funktioniert nun mehr. Bargeld? – leider nein, sorry, das  akzeptieren wir nicht. Ich hätte ja einen Bankomat suchen können…?! Nun eröffnet sich uns folgendes Problem: wie kommen wir zum Flughafen, ohne Geld?? Es ist Mittag und wir müssen an die Heimreise denken. Ich versuche, über die Banking App Geld von meinem Konto (mit Geld) auf mein anderes Konto (ohne Geld) zu transferieren, doch leider kann der Auftrag erst am nächsten Werktag (morgen) durchgeführt werden. Es ist Sonntag Mittag. Ich kontaktiere die Notfallnummr der Bank Austria. Der Telefonherr ist sehr nett, kann aber auch nicht helfen, außer uns den Tipp zu geben, die Zug-Fahrt zum Flugplatz vorab per online Banking zu bezahlen.

Zum Glück habe ich meine Visa Karte dabei, meine Tochter hat den Zahlungsmodus schnell herausgegoogelt. Blöd ist nur, dass ich meinen Visa Secure Code nicht weiß. „Ruf den Papa an, der muß uns jetzt mit seiner Visa Karte helfen.“ „Sicher nicht! Das kommt gar nicht in Frage.“ Schon oft hat mich mein Mann ermahnt, ich solle doch sorgfältiger mit Überweisungs-Limits und Kartencodes verfahren. Das wäre ein gefundenes Fressen für ihn und eine Schmach für mich. No go. Das Kind ruft seine Freundin an. Die hat zum Glück auch eine Visa Karte und rettet uns. Fffff…

Um etwa 14:00 sind wir am Flughafen. Meine Tochter vergißt in der Aufregung ihre Haube im Zug, aber hier ist es ja gücklicherweise nicht mehr nötig, eine aufzusetzen. Dafür die Maske. Soviele Menschen auf einem Haufen sind uns doch etwas unheimlich. Nach dem mühsamen security check überkommt uns der Hunger. Seit dem Frühstück haben wir nichts mehr gegessen. Bankomat funktioniert nicht. Ich kann in meiner Geldbörse noch heiße Euro 15.- sicher stellen. Damit gehen wir zum Wechselschalter. „Wir würden uns gern etwas zum Essen kaufen, unsere Karten funktionieren nicht mehr.“ Ein mitleidiger Blick einer netten Dame mustert mich: „Is that all you have??? We take comission…“ Ja, egal, ich werfe alles hinein. Sie händigt mir 144.- Schwedenkronen aus mit der Anmerkung – sie habe keine Wechsel-Gebühr genommen. Ist das nett, große Freude. Wir stürzen uns auf den nächsten Stand – zwei Tramezzini und eine Flasche Wasser gehen sich aus. Sorry, no cash. Meine Tochter ist genervt und hungerbedingt äußerst gereizt. Wir suchen unser Gate auf. Dort parke ich sie mit unserem Gepäck und mache mich nochmal auf Futtersuche. Es gelingt mir, einen Shop zu finden, der mein Papiergeld nimmt. Noch mal gut gegangen. Das nächste Mal nehme ich mindestens zwei Bankomat Karten, eine Kreditkarte UND Papiergeld mit. Zur Sicherheit. Und ich lerne davor alle Codes auswendig!

Renate Reich, 8. Dezember 2021

 

Ein Wochenende mal schnell über die Grenze hoppen, in unbekanntes Land. Warum waren wir in den letzen 20, 30 Jahren (sind wir wirklich schon soo alt??) eigentlich (fast) nie in Tschechien?? Ja, klar… in Prag. Das gilt aber kaum. Das ist nach der Öffnung ziemlich schnell „waltdisney-isiert“ worden. Mac Donald’s an jeder Ecke und kein Platz bei Starbuck’s… Immerhin gibt’s noch (sehr) gutes Bier. Und schöne Bauten. Aber darüber will ich hier nicht schreiben. Other story.

Wir fahren dieses Wochenende nach Mutenice, in Südböhmen, gerade mal 120 km von Wien entfernt. Ein Katzensprung. Ich schaue entspannt aus dem Autofenster. Zahlreiche Windräder ziehen an mir vorüber. Es ist Ende Februar, eine stressige Woche ist vorüber, die Sonne scheint. Herrlich. Da fällt es mir plötzlich ein: „Ich habe meinen Reisepass vergessen!“ Ich erwarte mir groß angelegte Schelte von meinem Mann, doch nach meiner Beichte kommt nur ein kurzer Kommentar seinerseits: “ Shit – Ich auch!“  Wenigstens bin ich nicht allein so blöd. Umkehren kommt für uns jetzt aber nicht mehr infrage. Schon zu weit weg von daheim. Wir riskieren es. Im schlimmsten Fall endet unser Ausflug im nödlichen Weinviertel. Auch ganz schön.

An der Grenze ist dann niemand. Es ist, als gäbe es keine. Nur die Straßen, die Landschaft und die Schilder sind ein wenig anders. All of a sudden: Tschechien. Wir fahren weiter. Noch mal Glück gehabt. unsere Reise führt über Lundenburg. Kennt das jemand? Alle Züge Richtung Norden/Osten gehen über diese Stadt. Sogar die Route nach Berlin. Breclav (alias Lundenburg) ist ein Must-Stop für Bahnreisende. Sehen wir uns hier mal um. Die Stadt ist im Krieg ziemlich zerbombt worden, leider. Das hinterläßt Platz für typische Ostblockästhetik: mit häßlichen Gebäuden aufgefüllte Leerstellen in einem durchaus hübschen kleinstädtischen Kontext. Man kann sich vorstellen, dass dies mal ein schmuckes Städtchen gewesen sein kann. Und sicherlich war.

Was uns besonders gefällt: das Schloss. Ungewöhnliche Form, ein Turm, Innenhof mit zahlreichen Arkaden. Angeblich irgendwann, als es in Mode war – im vorletzten Jahrhundert – wurde es zu einer künstlichen Ruine umgebaut. Ich empfinde es heute als ganz natürliche Ruine. Man könnte auch sagen, es ist ziemlich abgefuckt (falls man das wollte). Und ebenso alles drumherum. Wir haben ein wenig Sorge, uns von unserem in der Nähe geparkten Auto zu entfernen. Neben dem Schloß befindet sich ein definitiv natürlich „rui-nierter“ Gebäudekomplex aus zerbröselndem Backstein und morschem Holz, der mit einem Band „abgesperrt“ und – wenn auch stark einbruchsgefährdet – scheinbar von irgendjemand mit Hund bewohnt oder besetzt ist. Eine seltsame Gestalt hält Ausschau, als wir uns nähern. Ja, da ist jemand. Mit einem großen Tier, das auch laut bellen kann. Okay, wir haben verstanden. Also halten wir die Schloß(hof)besichtigung eher kurz, schiessen ein paar Fotos und parken unseren Wagen anschließend auf der anderen Seite des Flusses, entlang dessen wir nun einen kleinen Spaziergang wagen. Nicht allzuweit jedochs, in ständiger Hoffnung, unser exponiert stehendes Fahrzeug möge für niemanden allzu attraktiv sein, um es aufzubrechen.

Die Sonne scheint noch immer und es ist ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Am Flußufer sind ein paar – fragile – Hängematten aufgespannt. Daneben ein Schild: „Benutzung bei nicht mehr als 120 Kilo erlaubt“. Ich überlege, wer mit diesem Gewicht am Körper überhaupt in der Lage wäre, sich in so was Wackeliges hinein zu schwingen. Mein Mann meint, es wäre zu bedenken, das manche Menschen vielleicht gern zu zweit darin liegen würden…  ja, das macht Sinn. Dann sind 120 Kilo schnell mal beisammen. Für mich sind diese großmaschig geknüpften Dinger der Inbegriff der „Sozialen Hängematte“. Wo sich allerdings schon der Fragilität wegen keiner reinlegen traut.

Gleich daneben finde ich eine traditionelle Holz-Schaukel, mit der man weit über den Fluß schwingen kann. Sie sieht einigermaßen vertrauenswürdig aus.Ich bin seit gefühlten 40 Jahren nicht mehr geschaukelt, irgendwann dachte ich, mir würde bestimmt dabei schlecht – aber heute ist es nicht so. Wie ein kleines Mädel genieße ich es, auf meinem angeketteten Holzsitz über das Wasser und wieder zurück zu schwingen. So nice. Ich atme die Frühlingsluft und fühle mich frei. Am Rückweg finde ich im Gelände einen alten hölzernen Hockey Schläger – ziemlich abgefuckt (falls man das so sagen wollte). Der kommt mit. Mein Souvenir von hier.

Als Hunger aufkommt, haben wir aber dann jedenfalls wirklich ein Problem. Kein Lokal ist zu finden, vor allem nicht in dem Teil der Stadt mit den hübschen Altbauten. Aber wir wandern weiter und haben irgendwann doch noch Glück: eine Pizzeria in einem der häßlichsten Ostblockbauten, erweist sich im Inneren als ganz hübsch und geschmackvoll. Ebenso die Pizza, wenn auch ziemlich fettig, dennoch lecker und vor allem sättigend. Gerettet! Mein Mann ist unerträglich wenn er zu hungrig ist.

Auf der Weiterfahrt schnappe ich viele optisch interessante Eindrücke der Stadt auf und finde, sie wäre noch mal einen Besuch wert. Mit dem Zug natürlich. Ich mag Industrieruinen und seltsame, originelle Plätze. Und schöne Natur. Breclav hat alles davon. Und ist sicher nicht überlaufen. Nach Mutenice sind es noch ca. 45 Minuten. Wir fahren durch hübsche Landschaften, Wälder, Felder und Seen, sehr abwechslungreich und kleinteilig, Wir kommen voran, wenngleich uns unser Navi immer wieder etwas seltsame Wege vorschlägt: Miniaturstraßen, die sich durch die Gegend schlängeln und ins Nirwana zu führen scheinen. Das erweist sich zwar als nicht zutreffend, denn wir landen immer wieder in belebten Gegenden, doch leider nicht bei unserem gebuchten Quartier. Ich habe, wie meistens ein Zimmer über Airbnb gebucht, diesmal in einem B&B mit Weinkeller und Wein-Verkostungsmöglichkeit. Laut internet sehr nett.

Unsere Herbergsuche bekommt nun etwas Schnitzeljagdartiges. Mein Handy ist wieder mal fast leer, das erweist sich in solchen Situationen als äußerst unpraktisch. Irgendwo im Koffer ist ein Ladekabel… Schlechter Platz, aber es ist nach einigem Herumwühlen verfügbar. Mein Mann grollt. Das Tom Tom Navi führt uns zuerst zu irgendeinem Haus im Dorf, Google Maps ist wieder anderer Meinung und die Airbnb App führt uns in eine Sackgasse bei einem Schulgelände. Völlig genervt rufe ich zum dritten Mal die Vermieterin an: „Wir finden es einfach nicht!“ „Wo seid Ihr? Ich hole Euch…“ „Bei der Schule“ „Aha, welche? Wir haben mehrere Schulen…“

Schlußendlich findet sie uns und wir fahren ihr nach. Das Quartier befindet sich ganz auf der anderen Seite des Tals. Wollen die Gastgeber eigentlich nicht, dass man sie findet? Wir verstehen es irgendwie nicht… Egal, wir sind jetzt am richtigen Weg. Winzige, hübsch bemalte Häuschen ziehen sich den Hang hinauf, umgeben von kleinen Weingärten, in denen auch überall Mini-Häuschen bzw. Baracken stehen. Überall lacht ein Bacchus oder bunte Weintrauben von der Fassade, aber es ist alles so schnuckelig klein, so stelle ich mir Schlumpfhausen vor. Das Quartier ist schön, sauber, nicht ganz so klein (vor allem das Bad ist riesig) und wir freuen uns schon auf’s Weinverkosten am Abend. Dabei müssen wir feststellen, dass wir uns mit den Tschechen eindeutig nur im Biergeschmack völlig einig sind, was den Wein betrifft jedoch, merkt man, dass man sich jenseits der Grenze (des guten Geschmacks 😉 befindet. Naja, bei so einem süßen Dörfchen darf man sich halt einfach keinen sauren Wein erwarten…

21.März 2020

Mehrstimmiger Frauengesang dringt an mein Ohr und zieht mich magisch an… groovig, soulig und vor allem: sehr afrikanisch. Ich stehe unmittelbar vor der anglikanischen Kirche in Stone Town und lausche. Ich blicke auf einen stattlichen Bau, der an der Stelle errichtet wurde, wo (viel zu) viele Jahre der größte und fürchterlichste Markt auf diesem Globus beheimatet war: Zanzibars Hauptstadt Stone Town war DER Umschlagplatz für den Sklavenhandel in der ganzen Region, die „Ware“ ging nach Asien, Europa und Amerika. Neben dem schmutzigen Geschäft mit Elfenbein aus dem Hinterland (dem allerschwärzesten Schwarz-Afrika) und dem Handel mit Gewürzen war dieser eine der größten Geldquellen für die Herrschenden: Sultane aus Oman und in der Folge diverse zwielichtige Gestalten hatten hier für viele Jahre ihr Hauptquartier aufgeschlagen und konnten fette Profite einfahren.

Wenn man es so betrachtet, macht es gar keine rechte Freude mehr, sich am Anblick all der prunkvollen Paläste und Bauten (bzw. was davon noch übrig ist) zu erfreuen, sind sie ja hauptsächlich auf Kosten von Menschen und deren unfassbarem Leid erbaut. Die Menschheit war irgendwie immer schon schlecht, denke ich mir – grausam, ungerecht, rücksichslos. Zumindest ein Teil der Menschheit. Ich betrete die Kammern, in denen die Sklaven „gelagert“ wurden und auf ihren Verkauf warteten: finstere, enge in Stein gehauene „Ställe“ mit in Boden oder Wände eingelassenen Metallringen, an denen sie festgekettet waren. Unglaublich. Da war ja der Geflügelmarkt im Vergleich dazu harmlos, obwohl ich dort wegen des grauenhaften Gestanks und dem Anblick lebender, eingesperrter Tiere schnell flüchten mußte.

Zum Glück gibt es den Sklavemarkt jetzt nicht mehr, seit rund 140 Jahren schon nicht. Schautafeln, Bilder und Texte erzählen viel davon und ich verbringe geraume Zeit damit, sie zu studieren. Irgendwann ist es genug. Grauslich. Ich mag nicht mehr. Ich mache mich wieder auf die Suche nach den singenden Frauen. Ich schleiche mich hinein in den Nebenraum der Kirche und sehe sie: schwarze Frauen, gemischten Alters, hier allesamt ohne Kopftuch – klaro, sind ja Christinnen. Leider singen sie jetzt nicht mehr, sondern eine von Ihnen betet etwas vor und die anderen wiederholen es. Call and response. So wie am Anfang – dem Ursprung des Blues-gesangs.

Ich mache gerade eine private Stadtführung in Stone Town und mein Guide ist etwas irritiert, denn die singenden Frauen im Nebentrakt der Kirche stehen eigentlich nicht auf seinem Programm. Aber er läßt mich gewähren und passt sogar auf meine Wasserflasche und das Säckchen mit den Cashew-Nüssen auf, während ich den Stimmen nachgehe.

Dann zeigt er mir die Kirche von innen. Was mir als erstes auffällt – und wiederum auf seinem Programm nicht vorfindbar – hier stehr ein fettes Schlagzeug neben dem Altar. So gehört sich das, denke ich mir. Hallelu-yeah! That’s Africa 🙂 Das Innere der Kirche ist auch irgendwie anders als bei uns in Europa, die Dekorationen rund um den Altar sind (eher billig wirkende) Reliefs aus Metall, die ich in dieser Art noch nie gesehen habe. Und die Säulen sind verkehrt herum eingebaut, mit dem Kapitell nach unten. LOL. Das war nicht beabsichtigt, ist einfach passiert, und gehört zu den skurilen Besonderheiten dieser Kirche. Aber wenigstens ist dieser Ort nun befreit: keine Sklaven mehr. Never ever.

Wir verlassen diese geschichtsträchtige Stätte und werfen uns wieder ins Gedränge. Die Sonne sticht von oben herab, zum Glück trage ich immer noch meinen Riesenhut. Wir schlängeln uns wieder durch gewundene Gassen, in den Hof eines sehr lauschigen, hübschen Restaurants, vorbei an Moscheen und unzähligen kunstvoll geschnitzten Holztüren zu einem kleinen Platz, mit aufgespannten Wimpeln und einem riesigen Holzmast, an dem ein altertümliches Telefon befestigt ist. Das sei der wichtigste Platz von Stone Town, hier trifft MAN sich. Auch: skuril.

Für den Besuch der Forodhani Gardens und des Forts bleibt nur wenig Zeit, das House Of Wonders, ein richtiger, großer Palast (das erste Gebäude mit „Wonders“ – zu seiner Zeit, Ende des 19 Jh: einer WC-Toilette und Badewannen) befindet sich in Renovierung und ist leider gerade nicht zugänglich.

Ich mache mich frisch für mein heutiges Rooftop Dinner. 18:00 – nach der Dusche das Einsprühritual, von Kopf bis Fuß, mit stinkig-giftigem Anitimoskito-Schutz. Das Klima am Abend ist zwar traumhaft, aber das Gesprühe ist mega nervig. Ich freue mich schon ein bißchen wieder auf zu Hause. Das Haupthaar wird geknödelt, alles andere ist sinnlos. Styling ist hier echt schwer. Alles rinnt davon oder verpufft in der feuchten Luft. Egal. Ich steige wieder steile Treppen hinauf zu den obersten Terrassen meines edlen Hotels. Der Ausblick ist fantastisch. Der Himmel kohlrabenschwarz, sehr dramatisch. Ob das hält noch, heute den ganzen Abend?

Die Terrasse ist zweigeteilt und ich bekomme einen Tisch im kleinen Bereich. Es sitzen hier noch vier Pärchen, alle in unmittelbarer Nähe, ich bin die Einzige, die alleine hier diniert. Alsbald kommt man ins Gespräch, man sitzt ja so nahe beisammen. Neben mir ein britisches Paar, gerade angereist, schwer zu verstehen, aber nett, ein wenig älter als ich, daneben ein Barack Obama Klon mit ebensolcher Frau und Donnerstimme, eindrucksvoll – aus New York City bzw. aus Los Angeles, wo man derzeit wohnt; dann noch ein älteres Paar aus dem Oman – sie stammt eigentlich aus Irland und er ist Arzt in Pension, ursprünglich aus dem Irak, in Muskat wohnhaft. Ich führe viele interessante Gespräche und ich bin mir fast sicher, ich kommuniziere intensiver mit meinen Tischnachbarn weil ich alleine hier bin. Wenn man als Paar reist, verbringt man doch viel Zeit miteinander, in Zweisamkeit, auch viel davon zweisame Gesprächszeit. Mit einigen tausche ich die Adressen aus.. bin gespannt ob man jemals wieder voneinander hört… ?

Auf der Nebenterrasse gibt es Live Musik, Taraab – eine sehr arabisch anmutende musikalische Variante, Orient pur finde ich, auch die Sängerin gibt sich so, man könnte sie sich auch gut als Bauchtänzerin vorstellen, nur ist sie viel verhüllter. Ich bin sehr glücklich, aufgeregt, zufrieden… das Wetter kommt näher, es blitzt eindrucksvoll und es beginnt ein wenig zu regnen. Die „Boys“ entrollen Schutzrollos gegen den Wind und den Regen; das Unwetter zieht aber bald von dannen und es wird wieder richtig unangenehm heiß.

Jetzt tut sich wieder das berühmte Dilemma auf: zur möglichen Kühlung Haut entblößen und den Moskitos zum Fraß darbieten? Oder gänzlich verhüllt und leidend vor sich hin schwitzen? Ich bin ja eingesprüht – und ich vertraue auf die Chemie. Und die gute Hoffnung. Oder den Glauben an das Gute. Zanzibar soll ja seit 2008 malariafrei sein.

Ich lasse den heutigen Tag Revue passieren. Ja, ich bin glücklich. Sehr. In jeder Hinsicht. Zum einen, dass ich heute Nacht einmal nicht von diesen fiesen Bettwanzen ausgesaugt werde und zum anderen, dass ich in den hiesigen Zeiten und an meinem Ort leben darf und nicht in Vorhergegangenen an diesem Ort hier: wahrscheinlich ausgesaugt von Sklavenhaltern oder sonstigem ekelhaften menschlichem Ungeziefer. Danke.

 

 

 

Mein erstes Hotel in Zanzibar hatte nebst bereits beschriebener  gravierender Mankos immerhin den Vorteil, ein halbwegs genießbares, und was die frischen Früchte und Eiergerichte betrifft, sogar ein leckeres Frühstück auf einer schönen Terrasse mit Meerblick zu bieten. In meiner Airbnb Wohnung im Herzen von Stone Town, in die ich nun übersiedelt bin, gibt es gar nix. Außer einer leicht nach Schimmel riechenden Küche mit Kühlschrank – ohne Inhalt. Und, besonders blöd: einige unliebsame, winzige Tierchen, die höchstwahrscheinlich aus dem ersten Hotel mit mir mitgereist sind: Bettwanzen, 1-2 mm groß, flach, blutsaugend. Verstecken sich in Kleidung, Koffern, Taschen, Rucksäcken und in allen Nischen, Spalten und sonstigen (Un)möglichkeiten. Zum Glück hatte ich wenigstens bis jetzt noch keinen Rattenbesuch, obwohl ich hier das Badezimmerfenster, geruchstechnisch bedingt, stets (äußerst dreist) weit offen lasse.

Ich begebe mich in Richtung Uferpromenade und konsumiere in einer wunderschön gelegenen Laube mit Meerblick ein geschmacklich sehr unscheinbares, oder treffender gesagt, geschmacklich völlig entbehrliches Frühstück. Zum Glück gibt es Ketchup und ich bin wenigstetns satt. „Entbehrlich“ das passt auch sehr gut zum Beginn dieses Tages, an dem ich als „Killer Queen“ zur Tat schreiten muß. Im Indian Shop an der Ecke kaufe ich eine Dose Insektenspray. Leider gibt es nur eine Größe. Und die ist groß. Damit kann man sicher drei Wohnungen samt ihrer (tierischen) Bewohner vergiften. Da es nicht viel kostet und vernünftige Alternativen nicht zur Verfügung stehen, kaufe ich es ein.

Zuerst dusche ich – für diese Stadt und ihre bescheidenen Wasserreserven – unverschämt lange und wasche sorgsam meine Haare. Dann wische ich meine sämtlichen Besitztümer mit glatter Oberfläche systematisch ab und deponiere sie auf der anderen Seite der Küche. Alle Kosmetikprodukte, alle Behältnisse, Säckchen, Tuben, Fläschchen, Döschen… verdammt noch mal, wieso habe ich eigentlich sooo viel Zeugs mit??!! Bei dieser feuchten Hitze haben Schminke & Hairstyle sowieso keinen Sinn, das sollte ich doch schon wissen! Jeglicher Verschönerungsversuch rinnt in kürzester Zeit davon, mit dem Haupthaar ist außer möglichst strengem Zusammenknödeln (oder vielleicht kunstvoll geflochtenem Afro-Hair-Styling) nichts anzufangen, es sei denn, man möchte aussehen wie Madame Mim, oder gerade frisch vom Blitz getroffen.

Das nimmt einige Zeit in Anspruch. Für eine Stadtführung habe ich jetzt ohnehin keinen Nerv. Ich gebe mich der Reinigung meiner Mitbringsel hin. Am Balkon wird gesprayt, sämtliche Stofftäschchen, meine Kopfhörer, alle Sachen mit rauher Oberfläche. Ich klaube ein oder zwei Bettwanzen von irgendwo herunter. Sind sie also tatsächlich mitgekommen…!!

Ich bin mega genervt. Diese Prozedur ist mühsam und zeitraubend, außerdem traue ich mich fast nicht mehr zu atmen, ich will das Gift ja nicht in meinen Lungen haben, auch wenn dieses hochgiftige Spray heimtückisch mit frischem Zitronenduft daherkommt. Irgendwann reicht es mir und ich beschließe, einige vergiftete Teile mit noch unbehandelten „lasagneartig“ in meinem Koffer aufzuschichten und gut verschlossen, in guter Hoffnung sich selbst zu überlassen. Ruhet in Frieden. Und laßt mich bitte auch in Frieden, ihr Sauviecher!!!

Ich packe meine neue, gleich nach dem Frühstück gekaufte Korbtasche (zur Sicherheit auch mit Insektengift besprüht) mit dekontaminiertem Inhalt und mache mich auf den Weg zu meinem Quartier (in Quarantäne) für die heutige Nacht: 1001. Ein richtiges Prinzessinnenzimmer, wohl das edelste, das ich je bewohnen durfte. Im Hotel Emerson on Hurumzi. 1001. So viel in etwa kostet es auch. Naja… fast.

Wieder sind zahlreiche Stufen zu erklimmen, um in das prunkvolle Gemach zu gelangen. Schwindelfreiheit wäre zumindest kein Nachteil, die Stufen sind steil und eng. Sowas wäre bei uns daheim sicher nicht genehmigt vom Bauamt. Aber ich befinde mich auf Zanzibar. Da ist sowieso alles anders.

Lustvoll und vor allem sehr erleichtert werfe ich mich auf das inmitten des Zimmers stehende, große gold-rote Bett mit den vielen bestickten Polstern und genieße den Anblick. Ein großer, silberner Ventilator kreist ober mir, vor mir ein silbernes, orientalisches Teetischchen mit frischer Blumendekoration, hinter mir eine Badewanne mit allerlei handgeschöpften Seifen, frische Handtücher und noch mehr Blumen. Das Zimmer ist im obersten Teil des Gebäudes und relativ schmal, links und rechts stehen die Fensterreihen weit offen, man kann über die Stadt blicken, über die Dächer bis zum Meer. Alles natürlich sorgsam mit Fliegengittern und Moskitonetz versehen. Und Air Condition. So ist hier Luxus.

Ich habe Glück. Meine eigentlich für den Vormittag gebuchte (und von mir kurzfristig abgesagte) Stadführung kann jetzt stattfinden, der Guide ist flexibel bzw. er schickt einen Kollegen. Ist mir egal, ich hab ja jetzt Zeit.

Die proteindurchsetzte Gewand-lasagne reift in der Zwischenzeit bei wohlig warmen Temperaturen auf einem Balkon ein paar Straßen weiter entfernt und ich erhoffe mir inständigst, dass alle illegal mitgereisten Insekten nun auch bald in den siebenten Himmel gelangen mögen…

Wenig später treffe ich meinen gut gelaunten Guide in der Hotel-Lobby. Eine ganz private Stadtführung, auch das ist ein wenig Luxus am heutigen Tag. Stone Town ist berühmt für seine aus massivem Korrallengestein gebauten Häuser und die zahlreichen Paläste, vor allem aber für die vielen prunkvoll geschnitzten Holztüren und Balkone. Darum bin ich hier. Stone Town ist UNESCO Kulturerbe und Geburtsstadt von Freddie Mercury. Aber der kann gar nichts dafür. Initiator meiner Reise hierher war der Musiker Billy Joel, der mir seit Jahren mit dem Lied „Zanzibar“ in den Ohren liegt: “ I got the old mans car, I got a Jazz guitar, I got a tab at Zanzibar.. Tonight that’s where I’ll be.“ Und dann kommt das Trompetensolo. Legendär. Ich habe das immer schon geliebt. Vielleicht meine erste Begegnung mit Jazzmusik. Zumindest ein Grund meiner Präferenz für Trompeten und Flügelhörner und einem gewissen Hang zur „Saxophobie“.

Ich posiere in meinem seltsamen Outfit vor einer prunkvollen, riesigen Holztüre. Mein Guide, Yussuf macht Photos von mir mit meinem Handy. Ich trage einen riesigen Sonnenhut, weite Hosen und eine Bluse, darüber habe ich noch ein dünnes Strandkleid geworfen, damit meine Schultern bedeckt sind. So gehört sich das hier in der muslimischen Metropole von Zanzibar. Ich bin da sehr kompromissbereit, ich möche wirklich niemanden mit dem Anblick von bloßer Haut verstören, außerdem sind die dünnen Stoffschichten brauchbarer Mücken-, Fliegen- und Sonnenschutz.

Vorbei am Stone Town Coffee-House, dem zweiten Emerson Hotel, vielen weiteren prunkvollen Holztüren und ein paar Moscheen, gelangen wir durch zahlreich gewundene Gassen zum Markt. Dorthin hätte ich mich wahrscheinlioch alleine nicht hingetraut, sofern ich ihn überhaupt jemals gefunden hätte.

Ob ich ein Problem mit Fleisch bzw. dem Geruch von Fleich hätte? Naja, eigentlich nicht, sag ich, und ja, klar, ich will den Geflügel Markt sehen! Dann aber doch nur kurz. Rechts befinden sich die noch lebenden Tiere, in engen Käfigen, in dem anderen Raum linkerhand sind frisch geschlachtete und gerupfte Hühner aufgetürmt, es stinkt bestialisch. Ich beschließe, nie wieder Hühnchen zu essen, zumindest nicht in nächster Zeit

Der Rindfleisch Markt ist weniger spektakulär, zum einen olfaktorisch, zum Anderen durch die Abwesenheit ganzer, noch lebender Exemplare. Auch die Abwesenheit jeglicher Kühlmöglichkeit fällt auf. Ebenso am Fischmarkt. Der ist äußerst skuril, finde ich. Was da alles aus dem Meer geholt und zum Verzehr frei gegeben wird ist sehr interessant. Ich könnte stundenlang Fotos machen, doch auch hier will ich nicht aufdringlich sein und der Geruch ist auch eher einer, den man jetzt nicht unbedingt so lange bräuchte.

Wir stapfen durch aufgetürmte Mango, Papaya und Avocadoberge, riesige und lecker aussehende Früchte – ich möchte gerne eine kaufen, doch der Preis ist so unverschämt hoch, dass ich es sein lasse. Ein paar Cashew Nüsse kaufe ich dann doch. Als Snack für unterwegs. Und Wasser. Am Eingang zum ehemaligen Sklavenmarkt. Jetzt wird es heftig. Zeitgeschichte in Bildern. Zanzibar war einst der größte und wichtigste Umschlagplatz für die Ware Mensch.

Ich sitze auf der Dachterrasse eines sehr edlen Lokals in Stone Town, Zanzibar, Tansania, Afrika. Wieder einmal bin ich der einzige Gast. Um in den Genuß dieses herrlichen Ausblicks über die Dächer der Stadt, das Meer und die untergehende Sonne zu erhaschen, bin ich zahlreiche Stufen hinaufgestiegen. Das hat mich viel Zeit gekostet. Weniger wegen der Zahl der Stufen, sondern wegen der Zahl der Fotos, die ich immer wieder zwischendurch machen mußte. Das ist ein alter Palast, sorgsam mit Liebe und Geschmack renoviert, ein Gebäude aus 1001 Nacht: das Jafari House, Hotel und Spa, mit Restaurant auf dem Dach. Ich nenne es  das „Plötzlich Prinzessin-Lokal“. Alles ist in safrangelb, mahagonibraun karmesinrot und gold gehalten, überall gibt es schöne Sessel, Vasen, Statuen, Pflanzen und feinste Holzschnitzereien. Mein Herz hüpft. Meine Haut pickt.

Ich bin gut imprägniert, um 18:00 halte ich nun täglich mein Ganzköpereinsprühritual ab. No Bite mit Deet, es stinkt und klebt und ich hoffe inständig, dass es auch wirklich die bösen Mücken abhält, vor allem die gefährlichen mit der Malaria. Zanzibar ist zwar angeblich seit 2008 malariafrei, aber man weiß ja nie… das Tropeninstitut hat mir das Sprühen empfohlen und die Mitnahme eines Standby Malaria Medikaments. „No na!“, sonst würden sie ja auch nix an mir verdienen. Ich bin jedenfalls gewappnet. Leider hilft diese Mittel nicht gegen Bettwanzen, aber das ist eine andere Geschichte, auch wenn sie hier alsbald ihre Fortsetzung findet.

Ein junger Mann fragt mich in ganz passablem Englisch, was ich denn trinken möchte. Ich frage mich das auch. Am Liebsten einen kühlen Prosecco oder Aperol Sprizz mit ganz vielen Eiswürfeln. Zum Sonnenuntergang. Aber das mit den Eiswürfeln ist nicht so empfehelnswert hier, habe ich gelesen. Wegen dem „flotten Otto“ (so hat es eine deutsche Urlauberin genannt, die ich später kennen lernen sollte), dem Durchfall, der oft bei Europäern auftritt, die das afrikanische Wasser, wenngleich auch schon mal durchgefroren, nicht vertragen.

Ich bestelle ein Soda und ein Glas Weißwein. Und einen Snack, Samosas, gefüllte Teigtaschen, die ich schon aus La Reunion kenne. Ich beginne, Notizen in mein Tagebuch zu machen. Der junge Mann will plaudern. Ich bin ja der einzige Gast hier. Fad sonst. Also plaudern wir. Als er mir dann die Samosas bringt, will ich einfach nur mal kauen und nicht mit vollem Mund reden. Ich erbitte mir eine Essenspause. Leicht eingschnappt zieht er von dannen.

Der Weißwein ist schon bald ziemlich uncool. Ich überlege mir, eine Flasche zu bestellen, die könnte man ja mit Eiswürfeln im Kübel kühlen, und den Rest nehm ich mit nach Hause, wenn das geht?! Ich verhandle mit dem Kellner, der dieses Vorhaben (nach vorherigem Nachfragen) für machbar befindet. Er bringt mir die Flasche Wein. Eiswürfel muß er erst noch einkaufen gehen. Echt jetzt…

Ich schreibe in mein Tagebuch. Erst kurz zuvor hatte ich meine Airbnb Vermieterin davon informiert, dass in dem Hotelzimmer, aus dem ich gerade komme, Bettwanzen waren. Zur Sicherheit. Ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen. Obwohl, das ist stark untertrieben. Sie erklärte diesen Umstand zum Größt-Anzunehmenden-Unfall, zum Super GAU für jeden Vermieter und machte sich sofort daran, mir einen Kammerjäger vorbeizuschicken. Das wiederum stieß auf wenig Begeisterung meinerseits. In einem frisch vergifteten Zimmer schlafen, das geht doch einfach gar nicht.

Also sitze ich hier oben und grüble. Der Kellner kommt tatsächlich mit einem Kübel voll Eis. Ich bin begeistert. Dann erzählt er mir, er sei „born and raised on Tomato Island“. Zu erwähnen ist, das er ein Bürscherl von etwa 22 Jahren ist und ich in den Fünfzigern angelangt. Ob ich denn nicht Lust hätte, mit ihm morgen nach „Tomato Island“ zu reisen..? Haha, wie in 1001 Nacht, ein Märchenerzähler steht vor mir. Ich habe noch nie was von einem „Tomato Island“ gehört (als ich das interessehalber zu Hause google, finde ich nur eines in Australien). Dankend lehne ich ab. Er zieht wieder von dannen, diesmal vielleicht noch ein wenig mehr eingeschnappt.

Ich beschließe, mit meiner Flasche Wein nach Hause zu gehen und dort weiter zu grübeln. Dort habe ich auch internet. Das könnte behilflich sein. An der Hotelrezeption werde ich aufgehalten. Ich hätte nicht bezahlt, behauptet man. Was… jetzt? Klar habe ich, sogar 50.000.- TSH. Die Rezeptionistin telefoniert mit dem Tomato Boy, der die Rechnung hinunter bringt. Da steht 56.000.- THS. Gut, dann sollen sie mal leserlich schreiben. Ich bezahle den Rest, Tomato Boy ist beleidigt und schaut mich gar nicht mehr an.

Zu Hause angelangt, geselle ich mich zu meinen Sachen auf dem Balkon. Ich habe auf Anweisung meiner Vermieterin alle bereits ausgepackten Kleidungsstücke wieder eingesammelt, in den Koffer gesteckt und auf dem Balkon deponiert. Ich soll morgen unbedingt gleich Insekten-Spray kaufen und alles einsprühen. Wir chatten online. Leider ist der Kammerjäger nicht auffindbar (hat er sich vielleicht selbst vergiftet? 😉 Das ist eben Zanzibar. Aber sie kann mir die Putzfrau schicken und wir waschen alle meine Sachen… Ich hatte eigentlich andere Pläne für den nächsten Tag. Nämlich eine Stadtführung. Die habe ich sogar schon gebucht. Ich hole mein Päckchen Zigaretten aus dem Rucksack. Das habe ich mir extra für die Reise gekauft, sonst rauche ich nicht oder nur sehr selten. Jetzt verlangen meine Nerven nach Nikotin. Der Rauch soll außerdem helfen, (gefährliche?) Moskitos zu vertreiben.

Nach der ersten (oder zweiten?) Zigarette und einer halben Flasche Wein fasse ich den Beschluß, hier auszuziehen. Schließlich will ich das Getier definitiv los sein und endlich mal wieder biß- und juckfrei leben. Ich buche ein Zimmer im teuersten Hotel der Stadt, in der Annahme, dass es dort mit Sicherheit tierfrei sei. Ich habe außerdem für den kommenden Abend dort ein Rooftop Dinner für mich gebucht, im „Emerson on Hurumzi“ ein Highlight in Stone Town, das man/frau nicht versäumen sollte, laut einer Empfehlung einer weitgereisten Kollegin auf facebook. Was mich das jetzt kostet ist mir in diesem Augenblick (fast) egal. Man/frau muß Prioritäten setzen.

Ich schlafe wieder in voller Montur, gänzlich bekleidet, mit Jeans, Socken und Sweater, nur diesmal leider ohne Vorhandensein einer Klimaanlage. Es hat in etwa 30 Grad. Vielleicht auch mehr. Das Mückenschutzmittel verklebt sich mit dem Schweiß auf meiner Haut. Das Moskitonetz scheint dicht zu sein, läßt aber irgendwie kaum Frischluft durch. Das Schlaferlebnis ist mäßig erholsam. Sehnsuchtsvoll erwarte ich den Sonnenaufgang und den Beginn des nächsten Tages.

 

 

 

 

Ich liege auf einem wackeligen Tisch, in einem uralten Gebäude (so sieht hier ein Medical Center aus!!), in der Hitze irgendwo in Afrika, die Frau Doktor inspiziert mich. Irgendetwas hat mich vor kurzem gestochen oder gebissen, ich habe einen wirklich scheußlichen knallroten Hautausschlag mit seltsamen Punkten, die sich täglich vermehren. Ihre erste Diagnose war wenig erfreulich: „It looks like chickenpocks or „xxx“ (Name der Krankheit vergessen). You CAN treat, but it is long and painful.“ Na toll. Ich mache mir riesige Vorwürfe… warum mußte ich unbedingt meinen Sturschädel durchsetzen und hierher kommen!!!??

Nach einer Weile intensiven Betrachtens mit einer Lupe schüttelt sie den Kopf, „No, it is not chickenpocks and it is no „xxx“ (Name der Krankheit vergessen)… it looks like an allergic reaction to something!“ Meine Lebensgeister beginnen wieder zu erwachen. Sie verschreibt mir eine cortisonhaltige Salbe und ein Antihistaminikum. Okay, also ich muss nicht heimfliegen.. ?! Mein Leben und mein Abend sind gerettet. Ich war kaum jemals zuvor so erleichtert. Um 50.- USD kurz danach übrigens auch noch zusätzlich. Was kostet die Welt! Hauptsache nicht „long and painful“. Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt.

Der nächste Tag verläuft unspektakulär. Zunächst muss ich mich überwinden, diese Tabletten zu schlucken. Natürlich habe ich dieses Medikament gegoogelt und erfahren, dass es in Europa nicht zugelassen ist und sich noch im Teststadium befindet, die Wirkung entspricht aber einem Cirtec, einem mir bekannten Antiallergikum. Na also, das bringt dich jetzt auch nicht um, denke ich mir, vielleicht hört dann endlich dieses entsetzliche Jucken auf! Doch leider nein, die Wirkung hält sich in Grenzen, es kommen noch weitere rote Punkte hinzu und ich kann kaum schlafen. So einen mega-Juckreiz habe ich überhaupt noch nicht erlebt.

Ich mache einen Ausflug und bin eine Weile gut abgelenkt. Eine Spice Tour steht auf dem Programm, Besuch einer Gewürzfarm. Dort lerne ich viel Interessantes über Pflanzen und ihren Gebrauch, Wirkungen und Einsatzmöglichkeiten. Toll, was die Natur so alles zu bieten hat, ich sehe eine frische Muskatnuss, die aussieht wie ein Alien, erfahre, dass es einen Lippenstift Baum gibt und wie man eine Kokospalme erklimmt. Spannend. Mein guide kennt sich gut aus, er spricht – neben Suaheli gut Englisch und Französisch und beim Mittagessen kommen wir richtig ins Philosophieren über Land und Leute, Gott und die Welt. Er ist etwa 25Jahre alt, Moslem, kommt jeden Tag hierher und hofft, dass es Touristen gibt, die ihm zugeteilt werden. Jeden Tag ein Hoffen, ein Kampf. Er wünscht sich einfach nur einen steady job. Wie gut geht es uns doch im Vergleich dazu. Besonders witzig finde ich den Umstand, dass die Afrikaner an verschiedene Worte, die mit einem Konsonanten enden gerne ein „i“ anhängen, das höre ich hier zu ersten Mal. Let’s go eati oder watch your step, rooti..

Zu Hause angekommen nervt mich der unbändige Juckreiz wieder und ich wende mich erneut vertrauensvoll an meine Freundin. Sie schickt mir die Telefonnummer von einem Tropenmediziner, den ich sogleich anrufe. Ein sehr freundlicher älterer Herr bittet mich, ihm Bilder via Whats App zu schicken und ruft mich wenig später zurück. Seine Diagnose ist eindeutig: das sind zweifelsfrei Bettwanzen! Bei den Rippen gibt es noch einen Stich oder Biss, da zeigt die Haut noch eine starke allergische Reaktion, ich bräuchte jetzt Cortison, am Besten eine Injektion.

Also hatte die Frau Doktor recht, nur von den Bettwanzen hat sie nix gesagt. Ich will dennoch nicht nochmal hin und wieder 50 Dollar zahlen für eine fragwürdige Injektion. Die Creme soll erstmal ausreichen. Nichts wie weg hier, ich bin froh, dass ich am nächsten Morgen schon in mein neues Quartier, in eine Wohnung nach Stone Town übersiedeln werde. Ich schlafe in Jeans, Hemd, Jacke und Socken, bei voll aufgedrehter Klimaanlage und wünsche den Biestern das Allerschlechteste! Von meinem Blut werden sie sicher nichts mehr bekommen!

Am nächsten Tag um 10:30 treffe ich in einem Cafe in den Fohorani Gardens Salum, meinen neuen Gastgeber. Ich habe mich per Airbnb in die Wohnung einer Holländerin eingemietet, sehr zentral gelegen, in der Gizenga Street. Salum erscheint pünktlich, orts- und religionstypisch mit einem weissen Kaftan und einer runden Kappe bekleidet, schnappt meinen Koffer und wir ziehen los. Die neue Wohnung liegt mitten im Soukh, ich fühle mich stark an Marrakesch erinnert, der Eingang ist ziemlich versteckt, der Vorraum verdreckt, aber als wir in den ersten Stock gelangen, sehe ich schon einen wundersamen Balkon im Innenhof, nett dekoriert, so geschmackvoll wie auf den Fotos von Airbnb. Als er aufsperrt, kommt mir zur Begrüssung ein Geruchsschwall von Schimmel entgegen, was mich nicht sonderlich begeistert. Offenbar war doch schon länger niemand hier. Er zeigt mir die Wohnung und ich reisse alle Fenster auf, um diesen Geruch los zu werden. Er meint nur knapp, ich soll im Badezimmer mit dem offenen Fenster aufpassen, es wäre wegen der Ratten… sometimes. Gut, ich entscheide mich vorerst mal gegen die Ratten und mache das Fenster wieder zu. Ich habe jetzt einmal genug von unliebsamem Getier.

Die Wohnung ist jedoch allerliebst, sehr bunt, orientalisch, und ganz nach meinem Geschmack eingerichtet, ich fühle mich wie eine kleine Prinzessin. Ich packe alles aus und richte mich wohlig ein, es ist viel Platz, herrlich! Es könnten bis zu 4 Personen da schlafen, ich liebe großzügige Räume und bin froh, den Bettwanzen entflohen zu sein. Auf dem grossen Doppelbett mache ich es mir bequem, poste Fotos auf facebook und bin very happy. Dann die ersten Posts – tja, die Bettwanzen,… die verschleppt man… die nisten sich in die Kleidung ein und dann reisen die überall hin mit. Nicht jetzt, echt nicht… !!! Mein Glücksgefühl bricht schlagartig in sich zusammen und ich beginne zu recherchieren. Ja, stimmt. leider. Ich habe also wahrscheinlich in diesen drei Tagen in dem miesem Hotel genügend Individuen eingesammelt, die jetzt mit mir auf Reisen gegangen sind, zumal ich den Koffer auch stets offen, in der Nähe des Bettes, und am Boden stehen hatte, was man NIEMALS tun soll. Oidaaa. Ich bin genervt.

„Hakuna Matata! welcome to paradise“ begrüsst mich am Flughafen von Zanzibar ein freundlich lächelndes tiefschwarzes Gesicht mit auffallend weissen Zähnen. Nach einem anstrengenden, zwar nicht extrem langen, aber dauergerüttelten Flug erscheint es mir schon wie „paradise“ endlich wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. „ Taxi?“ fragt er,  ja zum Ocean View Hotel, kurz vor Stone Town. Das freundliche Lächeln erstirbt augenblicklich und er scheint jegliches Interesse an mir verloren zu haben, ich werde weiter und weiter geschickt. Stone Town ist gerade mal 10 Minuten vom Flughafen entfernt und die Fahrt dort hin kostet „mickrige“ 10 USD, ich bin also nicht der dicke Fisch, den er sich erhofft hat. Schliesslich lande ich im schäbigsten Taxi mit dem wohl allerältesten Fahrer. Auch egal, immerhin muss ich nicht lange fahren und kann mich bald in einem bequemen Bett ausstrecken. Im Hotel angekommen, balanciert der Rezeptionist meinen Koffer über zahlreiche Wege und Stufen in Richtung meines Zimmers, da läutet das Telefon, eine mir unbekannte Nummer aus Zanzibar. „Miss Renate?“ „Yes???“ „You took someone elses suitcase! yours is still here at the airport.“ Echt jetzt! Das darf ja nicht wahr sein. Ich hab mir extra einen knalltürkisen Koffer gekauft, den ich sofort aus 100en anderen heraus erkenne – doch diese Strategie hat scheinbar jemand anderes auch als besonders schlau empfunden. Ich schaue mir das Gepäckstück genauer an, ja es stimmt wirklich, das ist nicht meines, das Etikett ist anders. Zum Glück habe ich wie in weiser Vorhersehung in Wien noch das meine mit meiner Telefonnummer versehen. Gut, es hilft also nichts, ich muss noch mal zum Flughafen, schliesslich ist es meine Schuld, ich bin ja mit dem falschen Koffer abgehaut. Also noch mal 20 USD für hin- und retour investieren! Dieses Geschäft wäre für den Hakuna Matata Boy schon mal einträglicher gewesen. Am Flughafen finde ich eine ebenso aufgeregte wie erfreute Französin mit meinem Koffer vor. Wir machen ein Foto und tauschen unsere ident aussehenden Behältnisse, dann rausche ich mit meinem Fahrer wieder ab.

Das Vorhaben, mich erst mal mit einem kühlen Bad im Meer zu erfrischen, scheitert am Nicht-Vorhandensein von Wasser. Ebbe. Kilometerweit hat sich das Meer zurückgezogen. Ich habe davon im Reiseführer gelesen. Warum das aber gerade jetzt so sein muss, finde ich weniger erquicklich. Ich beschliesse, mich in der Bar mit einem Kaffee zu erfrischen und bestelle einen. Auf die Frage, welche Art von Kaffee es gibt, bin ich über die Antwort „yes, mam, we have instant coffee“ auch nicht gerade begeistert und entscheide mich für ein Tonic. Wer weiss, mit welchem Wasser die den Kaffee hier überhaupt machen und ob sie es auch gescheit abkochen…? Ich geniesse die Aussicht von der Barterasse ins weite Nichts. Für Wüste gibt es zu viel Seegrashaufen und Pfützen. Das Tonic Water hat nach etwa zwei Minuten Körpertemperatur angenommen. Die Hitze ist heftig, wenigstens weht hier ein Wind. Ich scheine der einzige Gast in diesem Hotel zu sein. Lange halte ich es nicht aus, ich beschliesse, die Nachmittagshitze zu verschlafen, hab ja Einiges an Schlaf aufzuholen. Auf dem Rückweg treffe ich auf einer zweiten Terrasse, auf der gerade mal 3 Stühle stehen, einer davon kaputt, auf ein weisshäutiges Ehepaar. Ah, es gibt doch auch noch andere Gäste hier! Sie sind aus Norwegen und heute schon den 2. Tag da und sie bleiben 2 Wochen! „Oh, mein Gott!“ schiesst es mir durch den Kopf, die Armen! Ich ziehe ja nach 3 Nächten weiter… 

Am späten Nachmittag klettere ich halbwegs ausgeschlafen die steilen Stufen zum Strand hinunter. Auf die Idee, hier mal aufzuräumen und den Dreck wegzuputzen, kommt scheinbar niemand. Überall liegt Papier und Plastikmüll, der Strand selbst ist wenigstens sauber. Liegestühle gibt es nicht. Eine Gruppe von schwarzen Frauen mit einem Kleinkind ist da. „Jambo!“ begrüssen sie mich freundlich und laden mich ein, meine Sachen bei ihnen, unter dem einzigen schattenspendenden Baum zu lagern, das finde ich nett. Sie planschen im Wasser herum. Auf die Idee, die Kleider auszuziehen, kommen sie aber auch nicht. Aus Respekt lasse ich meines auch an, als ich ins Wasser gehe. Es kühlt wenigstens dann noch mal ordentlich, wenn es klatschnass am Körper klebt. 

Als es dämmrig wird, sprühe ich mich mit Mückenschutzmittel ein und spaziere in der Hoffnung auf ein kaltes Bier ins Restaurant. Ich habe Glück. Jetzt ist auch das blaue Meer da, die Aussicht ist toll. Der Strand hat sich mit schwarzen Gestalten gefüllt, die Ballspielen, Musikhören, plaudern, lachen und schwimmen. Das ganze Dorf scheint hier zu sein. Jetzt da hinunter zu spazieren fühlt sich etwas mulmig an, es ist auch schon relativ dunkel. Ich frage nach Essen, es gibt 3 Gerichte zur Auswahl: Pizza, Fisch oder Chicken mit Curry. Ich entscheide mich für Letzteres.

Zum wohligen Ausklang des Abends, jetzt sind die Temperaturen endlich angenehm, setze ich mich noch auf die Veranda vor meinem Zimmer. Die Polster auf den gebrechlichen Korbsesseln sind nicht sonderlich sauber, ich drehe einen um und lege ein Tuch drauf. Als ich eine Zeil lang so sitze und meine ersten Eindrücke niederschreibe, verspüre ich einen heftigen Stich oder Biss im Bereich der Rippen. Ja, dort habe ich mich nicht eingesprüht! Na bravo, denke ich mir, den ersten Tag da und schon fange ich mir einen Malariamoskitomückenstich ein, so blöd kann doch niemand anderer sein! Ich verziehe mich ins Innere des Zimmers und sprühe mich mit noch mehr Mückenschutz ein, um für die Nacht gerüstet zu sein. Ich erwäge die sofortige Einnahme meines mitgebrachten Stand-By Malaria Mittels, frage aber zur Sicherheit noch eine Freundin, die schon weit gereist und in solchen Dingen erfahren ist. Zum Glück funktioniert das W-Lan ganz gut. Sie meint, das nimmt man normalerweise erst ein, wenn Malaria-Symptome da sind, und es ist ja nicht jede Mücke infiziert, sie hatte auch Stiche, aber es war nie was… da bin ich erstmal beruhigt. Dank Klimaanlage schlafe ich halbwegs gut.

Nach dem Frühstück auf der Terrasse (ich traue mich sogar, den Instant Kaffee zu trinken, denn die Norweger schauen an ihrem 3. Tag noch ganz gesund aus), nehme ich ein Bad im Meer, wieder im Strandkleid. Am Vormittag sind noch nicht so viele Menschen da, hauptsächlich einzelne Männer. Die meisten grüssen, manche fragen „how are you?“ oder „where are you from?“, lassen mich dann aber in Ruhe. Mein Stich hat sich ziemlich gerötet, juckt wie die Hölle und rundherum sind rote Punkte dazugekommen. Auch auf dem linken Arm habe ich einige rote Punkte. Ich behandle sie mit Zitronensaft, was gegen den Juckreiz helfen soll, tut es aber nicht. Keine gute Idee. Die Punkte werden grösser und mehr, der Stich-Punkt ist zu einem Fleck angewachsen, knallrot. Am Nachmittag kommt ein Gewitter auf, es stürmt und giesst in Strömen. Die Fenster sind undicht, es rinnt Wasser in mein Zimmer und bildet kleine Lacken am Boden. Ein Anflug von Panik überkommt mich, wenn jetzt sowas wie ein Hurrican oder ein Tsunami kommt und alle strohgedeckten Hütten hier wegfetzt? Wenn es nicht aufhört, kann ich nicht mal ins Restaurant gehen, um essen zu holen… und was ist das für eine eigenartige Krankheit, die ich habe, nach Mückenstich sieht das nicht aus, es werden immer mehr rote Punkte, die höllisch jucken. Ja, was musste ich auch so stur sein und unbedingt hierher kommen, trotz aller Warnungen und Sorgenbekundungen meiner Lieben?! 

Ich atme ganz tief durch und fasse einen Entschluss. Sobald der Regen aufgehört hat, lasse ich mich zum Medical Center fahren. Ich suche die Adresse aus dem Reiseführer und beginne mich anzuziehen und ein wenig zu schminken. 

Der Wetter-Spuk ist nach etwa einer Stunde vorbei und in meine Regenjacke gehüllt begebe ich mich zur Rezeption und trage mein Anliegen vor. Ein Fahrer bringt mich nach Stone Town. Eine winzige Tür führt in einen schmalen Raum, an einer Art Rezeption sitzen zwei gelangweilte Damen im Kopftuch. Nonnenähnlich, aber eindeutig muslimisch. Ich soll Platz nehmen und warten „Sit down and wait 10 Minutes“. Ich bin zwar noch nicht besonders Afrika erfahren, aber „wait 10 Minutes“ denke ich mir, das kann lang werden… so ist es auch. Eine unendlich gedehnte Zeit, in der meine Gedanken mit allerlei Gespinsten konfrontiert sind, ich rechne fast fest damit, morgen gleich wieder nach Hause fliegen zu müssen. Irgendwann kommt dann eine andere Kopftuchdame. Eilig hat sie es nicht im Geringsten. Sie richtet sich mal in ihrem Zimmerchen ein. Ich starre weiterhin an die weisse Decke mit den grünen Holzbalken und fühle mich elend. 

Endlich ruft sie mich auf, sie schaut sich meinen Hautausschlag an und ihr Gesicht verfinstert sich. Kommt mir jedenfalls so vor. Hmmm… looks like chickenpocks or like…  Name der Krankheit vergessen… it is afrikan. You CAN treat, but it is long and painful… „Do I need Antibiotics?“ „No, Antivirus.“ Ich bin aber doch geimpft gegen chickenpocks, wende ich ein. Das ist egal meint sie, das kann man trotzdem bekommen. Und es ist je nicht chickenpocks, just like..  Na bravo. Dass chickenpocks eigentlich Windpocken sind und nicht die richtigen Pocken hat mein Hirn zu dem Zeitpunkt noch gar nicht verarbeitet. Ich versuche gefasst zu sein. Ich soll mich mal hinlegen, meint sie, sie schaut sich das jetzt genauer an.

Guter Hoffnung zu sein ist ja prinzipiell etwas Schönes. Der Begriff an sich ist ein durchaus positiver, beinhaltet jedoch auch eine gewisse Komponente von Unsicherheit, die ein Ereignis betrifft, das in der Zukunft liegt.

Wir machen uns hoffnungsfroh auf den Weg zum Kap, das diesen Namen trägt. Zum südlichsten Punkt Afrikas. Zumindest ist es der süd-östlichste. Dort, wo die beiden Ozeane sich noch nicht vermischen, denn das berühmte „Kap der guten Hoffnung“ ist von reinem Atlantikwasser umspült und von heftigen Winden umtost, dem bekanntlich schon einige Schiffe zum Opfer gefallen sind.

Auf unserem ersten Stop im Örtchen Muizenberg begrüßt er uns schon mit kräftigem Gebläse. Ich halte meinen Hut fest. Der Strand ist wunderschön, weißer Sand mit glasklarem, türkisbauen Wasser, karibisch anmutend, wie im Reisekatalog. Nach einer vorsichtigen Probe mit den Zehenspitzen finden wir unsere Vermutung bestätigt; und wir wissen auch sofort, warum sich keiner der zahlreichen Surfer ohne Neopren Anzug auf’s Meer hinauswagt. Maximal 14 Grad soll das Wasser hier angeblich im Sommer kriegen. Paradoxerweise ist es im Winter wärmer, aufgrund irgendwelcher jahreszeitlich bedingter Strömungen.

Dementsprechend kurz fällt also unser Strandspaziergang aus, wir ziehen ein windgeschütztes Plätzchen vor, an dem man in aller Ruhe einen Kaffee schlürfen kann. Nicht, ohne davor ein Foto von den hübschen hölzernen alten Strandhäuschen gemacht zu haben, die knallbunt in den Farben der südafrikanischen Flagge leuchten: blau, gelb, grün und rot – wie auf einem der Bilder des frühen Jean Miro, heute auch werbewirksam verwendet für die Spanien Touristenwerbung.

Weiter geht es nach Simon’s Town, dessen Hauptstrasse von prunkvollen viktorianischen Häusern gesäumt ist, mit verschnörkelten Säulen, Balkonen und Veranden, kunstvoll aus Metall gefertigt ubd weiß angestrichen. Wenn man sich die verkehrsreiche Straße und das Meer auf der anderen Seite wegdenkt, könnte man glauben, man ist in einer Stadt im Wilden Westen. Würde hervorragend für eine Filmkulisse herhalten. Ein paar Pferde müßte man vielleicht noch aufstellen.

Wir wandern hinunter zum kleinen Hafen und den Pier entlang. Ich schieße ein pittoreskes Foto von einem schwarzen Mann mit Hut, der vor einem Wald aus Schiffsmasten sehnsuchtsvoll in die Ferne schaut. Möwen kreischen. Ein Katze miaut. Wir gehen weiter. Ein Hahn kräht. Wir schauen uns fragend an. Was macht bitte ein Hahn auf diesem Pier ? Die Katze miaut wieder, dann bellt ein Hund. Vögel zwitschern, ein Pferd wiehert. Der Mann mit dem Hut kommt uns entgegen. Wir lauschen angeregt, schauen ihn jetzt genau an und hegen den ersten Verdacht. Ja, ER ist es. Er macht alle diese Tier-Geräusche. Und zwar so unglaublich echt, dass man es kaum glauben kann.

Wir sprechen ihn an. Wieviele Tiere kann er denn nachmachen? 30 Tiere sind es jetzt. Er lernt aber immer neue dazu, jeden Tag übt er das. Wir geben ihm ein Trinkgeld in ein Plastikgefäß, das er hinter dem Rücken trägt. Großartig! Womit sich die Leute hier ein bißchen Geld vedienen!! Aber er ist echt gut. Sehr talentiert, wie die Kellnerin in der kleinen Hafenbar formuliert. Jeden Tag ist er da. Ziemlich unauffällig, ja völlig unverdächtig geht er am Pier und vor dem Lokal auf und ab, und schaut verträumt in den Himmel. Ein Ehepaar kommt vorbei. Er bellt laut und zwickt die Frau von hinten in die Wade. Diese schreit auf, die beiden Eheleute blicken völlig verwirrt und suchend umher. Alle lachen. „One day he will cause someone’s heartattack“, meint die Kellnerin schmunzelnd.

Wir erfrischen uns mit einem Drink und ich bewundere die Kunstwerke bei einem neben uns aufgebauten Stand. Hier gibt es wirkliche Tiere, zu kaufen, wirklich handgemachte, aus Perlen, Holz, Metall, Draht und allen möglichen und unmöglichen Materialen. Die Afrikaner sind großartige Kunsthandwerker. Und Recycling-Künstler. Am Besten gefallen uns die aus alten Autoteilen gefertigten, die teilweise rostig, teilweise noch mit alten Lackresten behaftet sind. Wir entscheiden uns für einen Elefantenkopf, den man an die Wand hängen kann, sehr hübsch und erstaunlich billig. Als Draufgabe noch einen Löwen, zwei Vögel und einen ganzen Elefanten. Ich möchte den Leuten hier durch einen Kauf Anerkennung zollen und sie auch finanziell unterstützen.

Nach Simon’s Town geht es weiter südwärts, zur Haupt-Touristentraktion, dem „Pinguin Strand“. Eine Kolonie von Brillenpinguinen lebt hier und kann für ein kleines  Eintrittsgeld besichtigt werden. Ein äußerst lohnendes Fotomotiv! Theoretisch könnte man auch mit ihnen schwimmen gehen; wenn man das wollte. Und wenn man Glück hat, und sie in der Nähe sind. Aber obwohl auch dieser Strand rein optisch zur Kategorie Traumstrand gehört, ist das Wasser eindeutig viel besser für Pinguine geeignet, die vorher stundenlang in der Sonne herumgestanden sind. Einer dieser komischen Vögel aber zieht es vor, im schattigen Gebüsch beim Parkplatz zu dösen. Zahlreiche Schilder weisen darauf hin, dass man auf versteckte Pinguine achten soll. Auch unter den Autos scheinen sie sich manchmal aufzuhalten.

Am Eingang zum Naturschutzgebiet des Kaps, wo man wiederum ein Ticket kaufen muß, hat sich eine lange Autoschlange gebildet. Es ist Mittag, die Sonne brennt herab, es ist heiß im Wagen, Mein Mann will sofort umdrehen, ich erinnere ihn aber daran, dass er am Vorabend gemeint hat, wenn er schon da ist, muß er unbedingt hinunter bis zum berühmten Kap!

Murrend reiht er sich ein, es dauert etwa eine halbe bis 3/4 Stunde bis wir endlich unser Ticket gelöst haben. Wolken ziehen auf. Schnell sind sie da nicht gerade bei der Abfertigung. Aber das ist hier nirgends so. „Schnell“ geht gar nix. Und „gleich“ schon gar nixer. Hoffnungsfroh fahren wir also in den Park, um nach etwa 10 Minuten wieder in der Kolonne zu stehen. Die Straße wird saniert und nur eine Spur, die wechselweise für den Verkehr frei gegeben wird, ist benutzbar. Das dauert wieder etwa 10-15 Minuten. Und das an zwei Stellen. Wenigstens kann man ausgiebig und in Ruhe diese schöne Berglandschaft mit der nur hier im Table-Mountain Park Resort vorkommenden Fynbos Vegetation bewundern. Eine sehr artenreiche, heidekrautähnliche Flora, mit vielen dekorativen Blütensträuchern. Hier wächst u.a. die wunderschöne Protea, Nationalblume Südafrikas, die man bei uns aus Blumengeschäften kennt und nur für ganz besondere Anlässe kauft.

Als wir endlich das Kap erreicht haben, ist aus den stetig heraufziehenden Wolken einigermaßen dichter Nebel geworden. Na bravo. Wozu sind wir jetzt eigentlich da? Aussicht gleich Null. Aber wir geben die gute Hoffnung nicht auf. Wir gehen mal ins Restaurant, in der Hoffnung auf baldiges Essen. Aber wie gesagt, schnell geht hier gar nix. Obwohl wir schon im glücklichen Besitz einer Speisekarte sind, machen alle Kellner einen großen Bogen um uns. Als es uns schließlich gelingt, einen auf uns aufmerksam zu machen (den kleinsten und schüchternsten von allen), schreibt dieser unsere Bestellung auf einen Block; meine Frage nach dem auf einer Tafel angekündigten, aber nicht weiter beschriebenen Fischgericht des Tages überfordert ihn scheinbar und er verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Geduld, wir sind in Afrika. Die Aussicht von der Restaurantterrasse ist… naja hoffnungsvoll. Dass der blöde Nebel wegzieht. Kalt ist es auch geworden. Mein Mann holt Jacken aus dem Auto, in der Zwischenzeit werden (nach letztlich erfolgreicher Bestellung bei einem anderen Kellner) die Vorspeisen serviert. Diese sind ein Augenschmaus. Das finden auch die glänzenden schwarzen Vögel mit den braunen Flügelspitzen, die hier 3x so groß und 3x so frech wie die Spatzen zahlreich herumhüpfen. Ich verteidige tapfer unsere beiden Gerichte, einem gelingt es aber doch, eine Manderinenspalte vom Teller meines Mannes zu ergattern.

Als wir aufbrechen, ist der Nebel nicht mehr ganz so dicht und wir wandern auf einem hölzernen Steg abwärts Richtung Kap. Von den Leuchttürmen oben am Cape Point ist gar nichts zu sehen; das scheint in früheren Zeiten auch leider so manchem vorbeifahrenden Schiff zum Verhängnis geworden zu sein.

Die Landschaft aber, soweit man sie sehen kann, ist atemberaubend. Die Wolkendecke lockert sich stetig. Buntes Gestein in allen erdenklichen Ocker-, Braun- und Rottönen – kommt zum Vorschein. Meine Lieblingsfarben, die ich auch immer gerne in meiner Malerei verwende.  Vielerlei Verwerfungen, wunderbare Muster und verschiedenste Pflanzen in allen erdenklichen Grüntönen sind zu sehen. Wir steigen etwa 250 Stufen zu einer malerischen Bucht hinab, wo der Wind tost und die Wellen eindrucksvoll gegen die hoch aufgeschichteten, farbigen Felsen branden. Hier fühlt man sich so richtig klein und unbedeutend inmitten einer gewaltigen, mächtigen Natur, die ihre eigenen Gesetze hat. Eine kleine tote Robbe liegt am Strand, in der Nähe kauert ein alter, schwacher Vogel, der nicht wegfliegt, auch wenn man ganz nah kommt. Auf ihn scheinen die Möwen schon nervös herumhüpfend zu warten.

Der Aufstieg ist mühevoll, aber wir sind um viele beeindruckende Bilder bereichert. Mittlerweile ist das Wetter wieder besser, eine schon tiefstehende Sonne taucht die Landschaft in warmes Licht. Auf der Rückfahrt probiere ich das Autofahren auf der linken Straßenseite aus. Ist doch ganz einfach! Theoretisch. Auch ich erwische versehentlich mal den Scheibenwischer statt dem Blinker und wir hüpfen zurück in den falschen Gang. Naja; wenigstens ist hier jetzt fast kein Verkehr mehr. Für die Heimfahrt nach Cape Town überlasse ich das Steuer wieder meinem Mann. Ich lehne mich entspannt zurück und erblicke in der Ferne zwei große Vogel-Strauße. Die gibt es wirklich hier! Wow. Letztendlich sind unserere guten Hoffnungen doch noch erfüllt worden: es war ein wunderschöner, unvergesslicher Ausflug.

Renate Reich, 18. November 2018

 

Aankomst. Kapstadt – Das Zweite, das hier auffällt, nachdem man Quartier bezogen und ein wenig herumspaziert ist, sind die Zäune. Zacken, Stacheln, Spieße oder elektrische Drähte, manchmal eindrucksvoll surrend. „Armed Response“ Schilder findet man fast überall. Wir wohnen in Gardens, einem besseren Viertel mit Einfamilienhäusern, in einer hügeligen, sehr grünen Gegend. Sehr schön, eigentlich. Der Ausblick von unserer Terrasse auf das nächtliche Lichermeer ist beeindruckend. Kapstadt ist riesig. Das war schon beim Anflug eindrucksvoll zu sehen; sehr viele Menschen leben hier.

Manche leben, manche leben gut, manche sehr gut, manche existieren nur. Sehr viele. Und kämpfen täglich um’s Überleben. Wieviele Einwohner die Stadt genau hat, weiß man gar nicht, denn die Zahl der Menschen in den Town Ships, Erbe aus der Zeit der Apartheid, ist unbekannt. Die anderen schützen, was ihnen gehört. Und das müssen sie auch. Lustig ist das für beide Seiten nicht. Aber für die eine Seite ist das Leben vermutlich doch ein bißchen leichter als für die andere.

Auf den Straßen sieht man viele Bettler und komische Gestalten, sehr heruntergekommen. Einige von ihnen tragen gelbe, rosa oder orangene Warnwesten und haben ihr kleines Revier, sie helfen den Autos beim Ein- oder Ausparken, zeigen wo freie Plätze sind, und wann die Straße frei ist zum Losfahren. Dafür gibt man ihnen ein kleines Trinkgeld. Damit haben sie eine sinnvolle Aufgabe. Ist für unsereins manchmal ein bißerl nervig, aber ich finde es dennoch gut und gebe immer ein paar Münzen. Das tut mir nicht weh und bringt ihnen was. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele – weniger komische – Gestalten mit gelber oder grüner Sicherheitsweste, die mit Schlagstöcken ausgerüstet und besser angezogen sind. Offiziell angestellte Security Personal für die Straßen der Stadt. Seit der WM 2010 hat sich die Sicherheitslage in Cape Town aufgund ihrer Präsenz massiv verbessert. Die Innenstadt ist jetzt sicher, es spielt sich touristenmäßig auch sehr viel ab, hat die Stadt ja viel zu bieten. In der Nacht soll man allerdings nicht alleine unterwegs sein, und auch nur in bestimmten Vierteln, auf gut beleuchteten Straßen. Anfangs bewegen wir uns extrem vorsichtig, aber mit der Zeit bekommen wir eine bessere Orientierung und ein ganz gutes Gefühl, wohin man gehen kann und wann oder wohin besser nicht.

Ein Ausflug auf den Tafelberg ist unsere erste größere Unternehmung und bei strahlendem Wetter ein absolutes Highlight. Zuerst mit dem Bus, dann weiter mit der Gondelbahn erreicht man in atemberaubend kuzer Zeit schwindelige Höhen. Wir haben Glück, wir sind unter den ersten, die die kreisrunde Gondel (aus der Schweiz importiert, habe ich gelesen) betreten können und suchen uns den schönsten Platz aus. Oder versuchen es zumindest – mein Mann und ich sind uns nicht einig, welcher das ist. Er will nach oben schauen, ich nach unten. Da die Gondel sich schnell füllt, und eine Entscheidung ansteht, gibt er nach. Nett von ihm. Doch sobald sich das Ding in Bewegung setzt, beginnt sich auch das Innere zu drehen: Wir stehen auf einer um 360 Grad rotierenden Plattform. Eine hervorragende Lösung unseres Problems. Wir können nun alles aus allen Perspektiven sehen. Diese Modell sollte man auf das wirkliche Leben übertragen können. Ein vorbildlicher Lösungsansatz, finde ich.

Die Aussicht ist beeindruckend. Der Tafelberg gehört zu den ältesten Gesteinsformationen dieser Erde und so wirkt er auch. Das Gestein ist grau, vielfach verworfen und es erinnert an Elefantenhaut. Überhaupt steht der Tafelberg fest und stur da wie ein uralter Elefant. Mit einem langem, geraden Rücken, auf dem wir gemütlich herumspazieren.

Die V&A- Victoria und Afred Waterfont, benannt nach Königin Victoria und Sohn, Namen der beiden Wasserbecken, ist unser nächstes Ziel. Ein gelungenes Beispiel einer Revitalisierung von einem heruntergekommenen Hafenviertel. Für unseren Geschmack vielleicht etwas zu kommerziell, aber dennoch – a place to be. Very nice. Wunderbar zum Flanieren, Schauen, Shoppen und Genießen. Pulsierendes Leben, viele Touristen und Einheimische, Musiker, die singen, tanzen oder virtuos Balaphon spielen.

Hier verkosten wir erstmals ein Glas Wein und befinden dieses – etwas untertrieben formuliert – für absolut brauchbar. Sauvignon Blanc vom Feinsten, zu einem sehr erschwinglichen Preis. Dazu muß natürlich ein Fischgericht verzehrt werden. Wir schwelgen in Genuß und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen. Ein etwas kühler Wind vom Meer mindert diesen nur geringfügig. Zu Hause ist es November und in Wien kann man sich jetzt wahrscheinlich maximal den Nebel ins Gesicht schweben lassen. Wenn man das unbedingt wollte.

Auf dem Weg nach Hause decken wir uns mit Lebensmitteln für die ersten paar Tage ein. Ein großer Supermarkt ist schnell gefunden – übrigens ein Spar – und es gibt eine große Auswahl an allem, die Fleischabteilung ist allerdings wesentlich kleiner als bei uns zu Hause. Stört uns nicht. Für diesen Abend auf unserer Terasse wollen wir uns etwas Nettes zum Trinken mitnehmen, eine Flasche Wein oder ein paar Bier, werden aber erst nach Fragen fündig. Bier gibt es hier gar keines und der Wein ist in einem Regal, das mit schwarzen Stoffbahnen verhängt ist. Komisch. Naja, vielleicht soll der Wein versteckt sein und nicht so offensichtlich „verführen“. Wir heben die Verhängung ein wenig an und suchen uns mit sorgfältiger Vorfreude drei hübsche Flaschen mit interessantem Etikett und ebensolchem Inhalt aus, Sauvignon natürlich, Sparkling Brut und Rose. Bei der Kasse zieht die Dame die erste Flasche routinemäßig über den Laser, um sie sofort danach wieder zu stornieren; „Sorry – no alcohol after 6 o’clock.“ Kein Erbarmen. Es ist Sonntag Abend, etwa 19:00. Eine herbe Enttäuschung. Wieder kein chilliger Terassenabend mit Wein.

Draußen fragen wir eine der zahlreichen Securitys, ob es denn irgendwo noch eine Quelle für uns abendliche Genußtrinker gibt – und man sagt uns, „yes, there is a liquor store over there – turn right after the second robot“. Robot ? Muß wohl „Ampel“ heißen, sonst mach es keinen Sinn. Überhaupt, die schwarzen Südafrikaner sind sehr schwer zu verstehen, Britisches Englisch, meist mit rollendem R und oft erheblichem Kauderwelsch-Anteil. Wie auch immer, wir finden ein passendes Geschäft, irgendwo auf unserem Heimweg.

Jedoch der zweite Abend auf unserer Terrasse verläuft sehr kurz, da wir unendlich müde sind, von all dem Erlebten. Und glücklich, mit dem was wir haben. Jetzt und hier und vor allem zu Hause, im fernen Österreich. Dass wir in einem Land leben, in dem das tägliche Überleben nicht in Frage steht; auch wenn uns derzeit viel am Klima – meteorologisch und politisch – gar nicht gefällt.

Renate Reich, 16.11. 2018