Ein Wochenende mal schnell über die Grenze hoppen, in unbekanntes Land. Warum waren wir in den letzen 20, 30 Jahren (sind wir wirklich schon soo alt??) eigentlich (fast) nie in Tschechien?? Ja, klar… in Prag. Das gilt aber kaum. Das ist nach der Öffnung ziemlich schnell „waltdisney-isiert“ worden. Mac Donald’s an jeder Ecke und kein Platz bei Starbuck’s… Immerhin gibt’s noch (sehr) gutes Bier. Und schöne Bauten. Aber darüber will ich hier nicht schreiben. Other story.

Wir fahren dieses Wochenende nach Mutenice, in Südböhmen, gerade mal 120 km von Wien entfernt. Ein Katzensprung. Ich schaue entspannt aus dem Autofenster. Zahlreiche Windräder ziehen an mir vorüber. Es ist Ende Februar, eine stressige Woche ist vorüber, die Sonne scheint. Herrlich. Da fällt es mir plötzlich ein: „Ich habe meinen Reisepass vergessen!“ Ich erwarte mir groß angelegte Schelte von meinem Mann, doch nach meiner Beichte kommt nur ein kurzer Kommentar seinerseits: “ Shit – Ich auch!“  Wenigstens bin ich nicht allein so blöd. Umkehren kommt für uns jetzt aber nicht mehr infrage. Schon zu weit weg von daheim. Wir riskieren es. Im schlimmsten Fall endet unser Ausflug im nödlichen Weinviertel. Auch ganz schön.

An der Grenze ist dann niemand. Es ist, als gäbe es keine. Nur die Straßen, die Landschaft und die Schilder sind ein wenig anders. All of a sudden: Tschechien. Wir fahren weiter. Noch mal Glück gehabt. unsere Reise führt über Lundenburg. Kennt das jemand? Alle Züge Richtung Norden/Osten gehen über diese Stadt. Sogar die Route nach Berlin. Breclav (alias Lundenburg) ist ein Must-Stop für Bahnreisende. Sehen wir uns hier mal um. Die Stadt ist im Krieg ziemlich zerbombt worden, leider. Das hinterläßt Platz für typische Ostblockästhetik: mit häßlichen Gebäuden aufgefüllte Leerstellen in einem durchaus hübschen kleinstädtischen Kontext. Man kann sich vorstellen, dass dies mal ein schmuckes Städtchen gewesen sein kann. Und sicherlich war.

Was uns besonders gefällt: das Schloss. Ungewöhnliche Form, ein Turm, Innenhof mit zahlreichen Arkaden. Angeblich irgendwann, als es in Mode war – im vorletzten Jahrhundert – wurde es zu einer künstlichen Ruine umgebaut. Ich empfinde es heute als ganz natürliche Ruine. Man könnte auch sagen, es ist ziemlich abgefuckt (falls man das wollte). Und ebenso alles drumherum. Wir haben ein wenig Sorge, uns von unserem in der Nähe geparkten Auto zu entfernen. Neben dem Schloß befindet sich ein definitiv natürlich „rui-nierter“ Gebäudekomplex aus zerbröselndem Backstein und morschem Holz, der mit einem Band „abgesperrt“ und – wenn auch stark einbruchsgefährdet – scheinbar von irgendjemand mit Hund bewohnt oder besetzt ist. Eine seltsame Gestalt hält Ausschau, als wir uns nähern. Ja, da ist jemand. Mit einem großen Tier, das auch laut bellen kann. Okay, wir haben verstanden. Also halten wir die Schloß(hof)besichtigung eher kurz, schiessen ein paar Fotos und parken unseren Wagen anschließend auf der anderen Seite des Flusses, entlang dessen wir nun einen kleinen Spaziergang wagen. Nicht allzuweit jedochs, in ständiger Hoffnung, unser exponiert stehendes Fahrzeug möge für niemanden allzu attraktiv sein, um es aufzubrechen.

Die Sonne scheint noch immer und es ist ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Am Flußufer sind ein paar – fragile – Hängematten aufgespannt. Daneben ein Schild: „Benutzung bei nicht mehr als 120 Kilo erlaubt“. Ich überlege, wer mit diesem Gewicht am Körper überhaupt in der Lage wäre, sich in so was Wackeliges hinein zu schwingen. Mein Mann meint, es wäre zu bedenken, das manche Menschen vielleicht gern zu zweit darin liegen würden…  ja, das macht Sinn. Dann sind 120 Kilo schnell mal beisammen. Für mich sind diese großmaschig geknüpften Dinger der Inbegriff der „Sozialen Hängematte“. Wo sich allerdings schon der Fragilität wegen keiner reinlegen traut.

Gleich daneben finde ich eine traditionelle Holz-Schaukel, mit der man weit über den Fluß schwingen kann. Sie sieht einigermaßen vertrauenswürdig aus.Ich bin seit gefühlten 40 Jahren nicht mehr geschaukelt, irgendwann dachte ich, mir würde bestimmt dabei schlecht – aber heute ist es nicht so. Wie ein kleines Mädel genieße ich es, auf meinem angeketteten Holzsitz über das Wasser und wieder zurück zu schwingen. So nice. Ich atme die Frühlingsluft und fühle mich frei. Am Rückweg finde ich im Gelände einen alten hölzernen Hockey Schläger – ziemlich abgefuckt (falls man das so sagen wollte). Der kommt mit. Mein Souvenir von hier.

Als Hunger aufkommt, haben wir aber dann jedenfalls wirklich ein Problem. Kein Lokal ist zu finden, vor allem nicht in dem Teil der Stadt mit den hübschen Altbauten. Aber wir wandern weiter und haben irgendwann doch noch Glück: eine Pizzeria in einem der häßlichsten Ostblockbauten, erweist sich im Inneren als ganz hübsch und geschmackvoll. Ebenso die Pizza, wenn auch ziemlich fettig, dennoch lecker und vor allem sättigend. Gerettet! Mein Mann ist unerträglich wenn er zu hungrig ist.

Auf der Weiterfahrt schnappe ich viele optisch interessante Eindrücke der Stadt auf und finde, sie wäre noch mal einen Besuch wert. Mit dem Zug natürlich. Ich mag Industrieruinen und seltsame, originelle Plätze. Und schöne Natur. Breclav hat alles davon. Und ist sicher nicht überlaufen. Nach Mutenice sind es noch ca. 45 Minuten. Wir fahren durch hübsche Landschaften, Wälder, Felder und Seen, sehr abwechslungreich und kleinteilig, Wir kommen voran, wenngleich uns unser Navi immer wieder etwas seltsame Wege vorschlägt: Miniaturstraßen, die sich durch die Gegend schlängeln und ins Nirwana zu führen scheinen. Das erweist sich zwar als nicht zutreffend, denn wir landen immer wieder in belebten Gegenden, doch leider nicht bei unserem gebuchten Quartier. Ich habe, wie meistens ein Zimmer über Airbnb gebucht, diesmal in einem B&B mit Weinkeller und Wein-Verkostungsmöglichkeit. Laut internet sehr nett.

Unsere Herbergsuche bekommt nun etwas Schnitzeljagdartiges. Mein Handy ist wieder mal fast leer, das erweist sich in solchen Situationen als äußerst unpraktisch. Irgendwo im Koffer ist ein Ladekabel… Schlechter Platz, aber es ist nach einigem Herumwühlen verfügbar. Mein Mann grollt. Das Tom Tom Navi führt uns zuerst zu irgendeinem Haus im Dorf, Google Maps ist wieder anderer Meinung und die Airbnb App führt uns in eine Sackgasse bei einem Schulgelände. Völlig genervt rufe ich zum dritten Mal die Vermieterin an: „Wir finden es einfach nicht!“ „Wo seid Ihr? Ich hole Euch…“ „Bei der Schule“ „Aha, welche? Wir haben mehrere Schulen…“

Schlußendlich findet sie uns und wir fahren ihr nach. Das Quartier befindet sich ganz auf der anderen Seite des Tals. Wollen die Gastgeber eigentlich nicht, dass man sie findet? Wir verstehen es irgendwie nicht… Egal, wir sind jetzt am richtigen Weg. Winzige, hübsch bemalte Häuschen ziehen sich den Hang hinauf, umgeben von kleinen Weingärten, in denen auch überall Mini-Häuschen bzw. Baracken stehen. Überall lacht ein Bacchus oder bunte Weintrauben von der Fassade, aber es ist alles so schnuckelig klein, so stelle ich mir Schlumpfhausen vor. Das Quartier ist schön, sauber, nicht ganz so klein (vor allem das Bad ist riesig) und wir freuen uns schon auf’s Weinverkosten am Abend. Dabei müssen wir feststellen, dass wir uns mit den Tschechen eindeutig nur im Biergeschmack völlig einig sind, was den Wein betrifft jedoch, merkt man, dass man sich jenseits der Grenze (des guten Geschmacks 😉 befindet. Naja, bei so einem süßen Dörfchen darf man sich halt einfach keinen sauren Wein erwarten…

21.März 2020

2 Kommentare
  1. Robert Hailwax
    Robert Hailwax sagte:

    ja, ICH kenne Lundenburg, ich war dort vor unendlich langer Zeit in der der Ort noch hinter dem „eisernen Vorhang“ lag, den jüd. Friedhof dokumentiert. Was, wie, warum wenn wir uns wiedersehen. Danke für den Bericht, vielleicht fahr´ ich wieder mal hin………

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