Mehrstimmiger Frauengesang dringt an mein Ohr und zieht mich magisch an… groovig, soulig und vor allem: sehr afrikanisch. Ich stehe unmittelbar vor der anglikanischen Kirche in Stone Town und lausche. Ich blicke auf einen stattlichen Bau, der an der Stelle errichtet wurde, wo (viel zu) viele Jahre der größte und fürchterlichste Markt auf diesem Globus beheimatet war: Zanzibars Hauptstadt Stone Town war DER Umschlagplatz für den Sklavenhandel in der ganzen Region, die „Ware“ ging nach Asien, Europa und Amerika. Neben dem schmutzigen Geschäft mit Elfenbein aus dem Hinterland (dem allerschwärzesten Schwarz-Afrika) und dem Handel mit Gewürzen war dieser eine der größten Geldquellen für die Herrschenden: Sultane aus Oman und in der Folge diverse zwielichtige Gestalten hatten hier für viele Jahre ihr Hauptquartier aufgeschlagen und konnten fette Profite einfahren.

Wenn man es so betrachtet, macht es gar keine rechte Freude mehr, sich am Anblick all der prunkvollen Paläste und Bauten (bzw. was davon noch übrig ist) zu erfreuen, sind sie ja hauptsächlich auf Kosten von Menschen und deren unfassbarem Leid erbaut. Die Menschheit war irgendwie immer schon schlecht, denke ich mir – grausam, ungerecht, rücksichslos. Zumindest ein Teil der Menschheit. Ich betrete die Kammern, in denen die Sklaven „gelagert“ wurden und auf ihren Verkauf warteten: finstere, enge in Stein gehauene „Ställe“ mit in Boden oder Wände eingelassenen Metallringen, an denen sie festgekettet waren. Unglaublich. Da war ja der Geflügelmarkt im Vergleich dazu harmlos, obwohl ich dort wegen des grauenhaften Gestanks und dem Anblick lebender, eingesperrter Tiere schnell flüchten mußte.

Zum Glück gibt es den Sklavemarkt jetzt nicht mehr, seit rund 140 Jahren schon nicht. Schautafeln, Bilder und Texte erzählen viel davon und ich verbringe geraume Zeit damit, sie zu studieren. Irgendwann ist es genug. Grauslich. Ich mag nicht mehr. Ich mache mich wieder auf die Suche nach den singenden Frauen. Ich schleiche mich hinein in den Nebenraum der Kirche und sehe sie: schwarze Frauen, gemischten Alters, hier allesamt ohne Kopftuch – klaro, sind ja Christinnen. Leider singen sie jetzt nicht mehr, sondern eine von Ihnen betet etwas vor und die anderen wiederholen es. Call and response. So wie am Anfang – dem Ursprung des Blues-gesangs.

Ich mache gerade eine private Stadtführung in Stone Town und mein Guide ist etwas irritiert, denn die singenden Frauen im Nebentrakt der Kirche stehen eigentlich nicht auf seinem Programm. Aber er läßt mich gewähren und passt sogar auf meine Wasserflasche und das Säckchen mit den Cashew-Nüssen auf, während ich den Stimmen nachgehe.

Dann zeigt er mir die Kirche von innen. Was mir als erstes auffällt – und wiederum auf seinem Programm nicht vorfindbar – hier stehr ein fettes Schlagzeug neben dem Altar. So gehört sich das, denke ich mir. Hallelu-yeah! That’s Africa 🙂 Das Innere der Kirche ist auch irgendwie anders als bei uns in Europa, die Dekorationen rund um den Altar sind (eher billig wirkende) Reliefs aus Metall, die ich in dieser Art noch nie gesehen habe. Und die Säulen sind verkehrt herum eingebaut, mit dem Kapitell nach unten. LOL. Das war nicht beabsichtigt, ist einfach passiert, und gehört zu den skurilen Besonderheiten dieser Kirche. Aber wenigstens ist dieser Ort nun befreit: keine Sklaven mehr. Never ever.

Wir verlassen diese geschichtsträchtige Stätte und werfen uns wieder ins Gedränge. Die Sonne sticht von oben herab, zum Glück trage ich immer noch meinen Riesenhut. Wir schlängeln uns wieder durch gewundene Gassen, in den Hof eines sehr lauschigen, hübschen Restaurants, vorbei an Moscheen und unzähligen kunstvoll geschnitzten Holztüren zu einem kleinen Platz, mit aufgespannten Wimpeln und einem riesigen Holzmast, an dem ein altertümliches Telefon befestigt ist. Das sei der wichtigste Platz von Stone Town, hier trifft MAN sich. Auch: skuril.

Für den Besuch der Forodhani Gardens und des Forts bleibt nur wenig Zeit, das House Of Wonders, ein richtiger, großer Palast (das erste Gebäude mit „Wonders“ – zu seiner Zeit, Ende des 19 Jh: einer WC-Toilette und Badewannen) befindet sich in Renovierung und ist leider gerade nicht zugänglich.

Ich mache mich frisch für mein heutiges Rooftop Dinner. 18:00 – nach der Dusche das Einsprühritual, von Kopf bis Fuß, mit stinkig-giftigem Anitimoskito-Schutz. Das Klima am Abend ist zwar traumhaft, aber das Gesprühe ist mega nervig. Ich freue mich schon ein bißchen wieder auf zu Hause. Das Haupthaar wird geknödelt, alles andere ist sinnlos. Styling ist hier echt schwer. Alles rinnt davon oder verpufft in der feuchten Luft. Egal. Ich steige wieder steile Treppen hinauf zu den obersten Terrassen meines edlen Hotels. Der Ausblick ist fantastisch. Der Himmel kohlrabenschwarz, sehr dramatisch. Ob das hält noch, heute den ganzen Abend?

Die Terrasse ist zweigeteilt und ich bekomme einen Tisch im kleinen Bereich. Es sitzen hier noch vier Pärchen, alle in unmittelbarer Nähe, ich bin die Einzige, die alleine hier diniert. Alsbald kommt man ins Gespräch, man sitzt ja so nahe beisammen. Neben mir ein britisches Paar, gerade angereist, schwer zu verstehen, aber nett, ein wenig älter als ich, daneben ein Barack Obama Klon mit ebensolcher Frau und Donnerstimme, eindrucksvoll – aus New York City bzw. aus Los Angeles, wo man derzeit wohnt; dann noch ein älteres Paar aus dem Oman – sie stammt eigentlich aus Irland und er ist Arzt in Pension, ursprünglich aus dem Irak, in Muskat wohnhaft. Ich führe viele interessante Gespräche und ich bin mir fast sicher, ich kommuniziere intensiver mit meinen Tischnachbarn weil ich alleine hier bin. Wenn man als Paar reist, verbringt man doch viel Zeit miteinander, in Zweisamkeit, auch viel davon zweisame Gesprächszeit. Mit einigen tausche ich die Adressen aus.. bin gespannt ob man jemals wieder voneinander hört… ?

Auf der Nebenterrasse gibt es Live Musik, Taraab – eine sehr arabisch anmutende musikalische Variante, Orient pur finde ich, auch die Sängerin gibt sich so, man könnte sie sich auch gut als Bauchtänzerin vorstellen, nur ist sie viel verhüllter. Ich bin sehr glücklich, aufgeregt, zufrieden… das Wetter kommt näher, es blitzt eindrucksvoll und es beginnt ein wenig zu regnen. Die „Boys“ entrollen Schutzrollos gegen den Wind und den Regen; das Unwetter zieht aber bald von dannen und es wird wieder richtig unangenehm heiß.

Jetzt tut sich wieder das berühmte Dilemma auf: zur möglichen Kühlung Haut entblößen und den Moskitos zum Fraß darbieten? Oder gänzlich verhüllt und leidend vor sich hin schwitzen? Ich bin ja eingesprüht – und ich vertraue auf die Chemie. Und die gute Hoffnung. Oder den Glauben an das Gute. Zanzibar soll ja seit 2008 malariafrei sein.

Ich lasse den heutigen Tag Revue passieren. Ja, ich bin glücklich. Sehr. In jeder Hinsicht. Zum einen, dass ich heute Nacht einmal nicht von diesen fiesen Bettwanzen ausgesaugt werde und zum anderen, dass ich in den hiesigen Zeiten und an meinem Ort leben darf und nicht in Vorhergegangenen an diesem Ort hier: wahrscheinlich ausgesaugt von Sklavenhaltern oder sonstigem ekelhaften menschlichem Ungeziefer. Danke.

 

 

 

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