Schwedisch Reisen – Zurück in die Zukunft

Noch nie habe ich mich bei einer Reise so gefühlt, als wäre ich plötzlich in der Vergangenheit gelandet. Ja, in Afrika, wenn die Unterkunft oder das Essen recht einfach war, oder in der Bretagne, als man uns auf einem Bauernhof einmal für drei Tage eine Trockentoilette zumutete, war das auch eher „von gestern“. Aber das meine ich nicht. Das läuft unter kulturell oder regional bedingte Unterschiede. Meine Reise nach Stockholm in diesem Dezember 2021 war eine Reise in eine hochmoderne Welt, in der alles ganz „normal“ war. So wie bei uns früher. Alle Geschäfte sind geöffnet und gut frequentiert, die Menschen amüsieren sich bei einem Bier und sitzen dicht gedrängt an der Bar, die Restaurants haben Hochbetrieb und die Kellner wuseln herum, wie eh und je, als ob nichts wäre.

Nicht einmal in der U-Bahn tragen die Leute Masken. Auch nicht am Flughafen. Lediglich eine Empfehlung existiert in Form von gelben Schildern oder Aufklebern: „Halten Sie 2m Abstand“ oder „Tragen Sie einen Mund-Nasenschutz“. Daran halten tun sich die Wenigsten. Und wie soll man bitte vor einem Security-Check-Schalter jemals 2m Abstand zum Nächsten halten, wenn man sich inmitten einer Menge von etwa 200-300 Menschen befindet, die alle innnerhalb der nächsten 1, 2 Stunden irgendwohin fliegen wollen? So groß ist kein Flughafengebäude. Jedenfalls nicht das in Stockholm.

Wie sich das anfühlt, brauche ich wohl niemandem zu beschreiben. Erstmal großartig. Zumal wir gerade aus einem Wien kommen, das sich im totalen Lockdown befindet. Wir spazieren durch die hübschen, weihnachtlich dekorierten Straßen und sind erstaunt darüber, dass nicht nur alle Geschäfte offen sind, sondern auch alle Eingangstüren zu den Shops. Sperrangelweit, wie im Hochsommer. Und das bei minus vier Grad.

Nordische Frischluftkur

Frischluft ist schon mal eine gute Variante, um Virenlasten zu verdünnen. Das scheint hier zumindest im Handel ganz gut zu funktionieren. In den Restaurants und Bars hingegen ist mir das nicht so ganz nachvollziehbar. Gasträume sind zwar meist professionell entlüftet, aber das auch nur in größeren Häusern. Ich bin jedenfalls trotzdem ein wenig vorsichtig, wenn es dicht wird. In der U-Bahn fühle ich mich ohne Maske fast nackt, richtig strange ist das, aber für mich fühlt es sich anders besser an, also setze ich dort das Ding eben auf. Am Flughafen sowieso. Aber dazwischen genieße ich die Freiheit und die Lebendigkeit dieser Stadt. Menschen, die sich zuhauf ungezwungen in einem Lokal amüsieren, wann habe ich das zuletzt gesehen? Im Sommer vielleicht, in einem Gastgarten, ja, in Kroatien…. auch schon eine Weile her.

Das schwedische Wunder, angeblich wissen es die obersten einheimischen Virengurus auch nicht, wieso das dort so geht, die Impfrate ist nämlich erstaunlicherweise gar nicht so außergewöhnlich hoch. Vielleicht kommt sie ja noch die Welle, aber darüber will ich weder schreiben noch spekulieren. Ich selbst bin jedenfalls dreimal geimpft und fühle mich einigermaßen geschützt. Ich bin riesig froh, diese Reise unternehmen zu können und nehme mir einen Teil dieses ungezwungenen, freien Gefühls mit nach Hause und genieße es vor Ort in vollen Zügen. Als passionierte Reiserin in südliche Gefielde tut es mir fast leid, dass ich diese wunderbare Stadt nicht schon früher entdeckt habe. Auch wenn es kalt ist und die Sonne schon um 15:00 untergeht. In Stockholm ist es im Winter lange stockfinster und ich habe nach drei Stunden Dunkelheit schon um 18:00 das Gefühl, es wäre an der Zeit, bald schlafen zu gehen. Hell wird es auch erst um 8:15, da lohnt es sich auch nicht einmal, früh aufzustehen. Aber egal.

Die Stadt im Wasser

Ich habe eine neue Liebe gefunden, und zwar dort, wo ich sie niemals vermutet hätte, im hohen Norden. Diese großartige Stadt muß unbedingt noch öfter bereist werden. Die Lage am Wasser ist einzigartig, die Stadt verteilt sich über 14 Inseln. Überall gibt es Wasser und Brücken, aber anders als in Amsterdam, Venedig oder Kopenhagen sind das keine Kanäle, hier ist Inselhopping angesagt. Die Gebäude sind prunkvoll und mit vielen Türmchen ausgestattet, die Altstadt und die angrenzenden Stadtteile sind malerisch, man kann endlos durch Gassen schlendern und einfach nur schauen. Es gibt auch noch viele alte Häuschen aus Holz, was mich persönlich besonders begeistert, da ich solche ja sehr gern male. Die Geschäfte und Lokale sind sorgfältig, geschmackvoll und ideenreich dekoriert, und man fühlt sich dort gleich wohl. Beim Betreten einer Gaststube wird sofort unaufgefordert Wasser serviert, oder es steht ein Behältnis zur Verfügung, wo man sich welches holen kann, und das natürlich gratis.

Ich bin mit meiner Tochter unterwegs, der ich zum 20. Geburtstag diese Reise geschenkt habe. Nicht ganz uneigennützig (LOL). Wir lieben es, zu zweit fremde Städte auszukundschaften (wobei mir die Shopping Komponente weitaus weniger wichtig ist als ihr ;-). Mittlerweile hat sie ein Alter erreicht, wo sie auch für Museen zu begeistern ist, gerne einfach mit mir durch die Straßen schlendert, Eindrücke sammelt und Fotos macht. Und wir können zwischendurch auf einen Drink gehen und über Gott und die Welt plaudern. Love it.

Fotografiska und der schönste Ausblick von Welt

Die Zeit vergeht wie im Flug. Altstadt, Bürgerhäuser, Königspalast, liebevoll renovierte Holzhäuser, Blumen- und Weihnachtsmärkte, eine historische Markthalle,… Drei Tage sind definitiv zu wenig, allein die Kälte setzt der Entdeckungslust ein wenig entgegen. Schön, dass man sich für eine Weile in ein Cafe oder ein Museum zurückziehen kann, z.B. in das „Fotografiska“, Museum für Fotografie – untergebracht in einem denkmalgeschützten Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert. Ich liebe solche Bauten, außen völlig romantisch retro und im Inneren hypermodern. Eine Videoinstallation von „shaking cats & dogs“ in mega Zeitlupe begrüßt und amüsiert uns, schlabbernde Möpse und Bulldoggen, Fellmonster und Haarkönige. Die mehrere Themen umfassende Ausstellung ist nicht sonderlich groß (echt tolle Fotografien und Videoinstallationen!) dafür aber umso beeindruckender, sie wird aber noch überragt vom Ausblick aus den riesigen Panoramafenstern des Museumsrestaurants auf die gegenüberliegende Stadtinsel bei Sonnenuntergang. Leider werden wir verscheucht, weil wir nur einen Kaffee trinken wollen, für ein Abendessen ist es uns um 15:15 eindeutig zu früh, doch nächstes Mal würde ich das sicher dahingehend timen, nur um dort sitzen und den großartigen Ausblick genießen zu können.

Wir kehren hundemüde mit einigen (Shopping-) Beutestücken in unser Hotel zurück, wo wir die Zeit bis zum Abendessen überbrücken (also, früher als 18:00 geht gar nicht) und kriechen in unsere Betten, wo man nach einer etwa 30 minütigen Heißwasserdusche ein wenig Komfort finden und genießen kann. Das Haus ist alt, dafür in einer Top-Lage. Es zieht und es ist kalt im Zimmer. Die Frischluftversorgung ist auf jeden Fall garantiert.

 Kötbullar ist kein Schimpfwort

Der kulinarische Höhepunkt unserer schwedischen Reise, das erste warme Essen innerhalb der letzten zwei Tage steht unmittelbar bevor: „Köttbullar“ – für meinen Mann, einen „Ikea-Restaurant-Hasser“ ein Schimpfwort – zu unrecht, wie ich hier anführen möchte!! Diese hier sind ein Gedicht aus Elch- und Rentierfleisch in sämiger Sahnesause mit flockigem Kartoffelpüree und frischen (!) Preiselbeeren, besser bekannt als Cranberries. Herrlich, himmlisch, hervorragend. Beim Bezahlvorgang streikt meine Bankomat-Karte, wahrscheinlich will auch sie ihren Unmut über die astronomischen Preise zum Ausdruck bringen. Ein Glas Wein kommt etwa auf umgerechnet Eur 11.50, dafür ist es mehr als ein Achterl, wahrscheinlch 0,2 l. Ich habe ja eh vorsorglich nur eines getrunken!! Zum Glück hat meine erwachsene Tochter auch noch eine Bankomatkarte dabei, Bargeld besitzen wir keines, es würde ohnehin wahrscheinlich nicht akzeptiert. In Schweden zahlt man alles mit Karte, vom Glögg am Punschstand bis zum Großeinkauf im Möbelgeschäft.

Fast wie am Nordpol

An unserem letzten Tag steht noch ein Ausflug ins Winterwonderland bevor. Nach nur 10 Minuten Fahrt mit der Fähre, die Teil des umfangreichen öffentlichen Verkehrsnetzes ist, erreicht man die Insel Djurgarden, die im Sommer zum Pickniken und Spazieren oder in den hypermodernen Luna Park einlädt, jetzt aber der ideale Ort ist, um (vor)weihnachtliches Feeling aufkommen zu lassen. Wir besuchen das Freilichtmuseum „Skansen“, ein absolutes Highlight unserer Winterreise. Wir haben Glück. dass es vor einigen Tagen geschneit hat und alles wunderweiß angezuckert ist. Dafür ist die Kälte ja gut – dass sich nicht gleich alles in „Gatsch“ verwandelt, wie meistens nach einem Schneefall in Wien.

Ein gewisser Herr Skansen hat vor vielen Jahren alte Holzhäuser in ganz Schweden vor zerstörendem Abriß bewahrt und auf dieser Insel wieder aufstellen lassen. So entstand ein richtiges Dorf, durch das man schlendern kann, mit einem Tierpark, wo natürlich auch Elche und Rentiere zu bewundern sind. In einigen Häusern wird alte Handwerkskunst demonstriert: in der Glasbläserhütte können wir zusehen, wie die schönen mundgeblasenen Weihnachts-Kugeln gemacht werden. Ziemlich aufwändig ist das und es erfordert viel Fingerspitzengefühl und Geduld.

Das Gelände ist pittoresk, weitläufig, hügelig und baumreich – und um Einiges kälter als in der Stadt. Vor jedem potentiellen Fotomotiv überlegen wir uns gut, ob es sich lohnt, die Handschuhe auszuziehen…? Mittendrin befindet sich der riesige, wunderschöne Weihnachtsmarkt. Hier findet man kaum Kitsch, sondern geschmackvolle und sinnvolle Sachen, jede Menge Textilien (gestrickt, genäht, gehäkelt, gefilzt…), Kerzen (hübsch :-), Spielzeug, Geschirr und Keramik (auch hübsch :-), mundgeblasene Glaskugeln (megahübsch :-!) und so weiter und so fort. Alles ziemlich brauchbar und das Meiste echt schön. Jede Menge Delikatessen gibt es natürlich auch, von unzähligen Käse- und Brotsorten, Süßigkeiten (herrliche Zimtschnecken!!!), bis zum Rentierschinken und süßem, wundervoll heißen Glogg. Den benötigt man bei diesen Temperaturen unbedingt! Bei Sonnenschein hat es minus drei Grad, fühlt sich aber noch um Einiges kälter an. Das erste, was man sinnvollerweise macht, um hier etwas länger überleben zu können ist, sich warme Boots mit dicker Sohle zu kaufen. Das ist schon mal die halbe Miete. Yes, we did it!

Plastikgeld ist doof

Für einen Rentierschinken reicht unser (Plastik-) Geld gerade noch. Bei der Rückfahrt mit der blauen Straßenbahn streikt leider auch die Bankomat Karte meiner Tochter. Unser 24 Stunden Ticket ist vor ca.15 Minuten erst ausgelaufen und der Schaffner läßt Milde vor Gerechtigkeit walten. Beim anschließenden Kaufversuch zweier Teetassen in einem Deko-Store müssen wir uns endgültig geschlagen geben, keine der beiden Karten funktioniert nun mehr. Bargeld? – leider nein, sorry, das  akzeptieren wir nicht. Ich hätte ja einen Bankomat suchen können…?! Nun eröffnet sich uns folgendes Problem: wie kommen wir zum Flughafen, ohne Geld?? Es ist Mittag und wir müssen an die Heimreise denken. Ich versuche, über die Banking App Geld von meinem Konto (mit Geld) auf mein anderes Konto (ohne Geld) zu transferieren, doch leider kann der Auftrag erst am nächsten Werktag (morgen) durchgeführt werden. Es ist Sonntag Mittag. Ich kontaktiere die Notfallnummr der Bank Austria. Der Telefonherr ist sehr nett, kann aber auch nicht helfen, außer uns den Tipp zu geben, die Zug-Fahrt zum Flugplatz vorab per online Banking zu bezahlen.

Zum Glück habe ich meine Visa Karte dabei, meine Tochter hat den Zahlungsmodus schnell herausgegoogelt. Blöd ist nur, dass ich meinen Visa Secure Code nicht weiß. „Ruf den Papa an, der muß uns jetzt mit seiner Visa Karte helfen.“ „Sicher nicht! Das kommt gar nicht in Frage.“ Schon oft hat mich mein Mann ermahnt, ich solle doch sorgfältiger mit Überweisungs-Limits und Kartencodes verfahren. Das wäre ein gefundenes Fressen für ihn und eine Schmach für mich. No go. Das Kind ruft seine Freundin an. Die hat zum Glück auch eine Visa Karte und rettet uns. Fffff…

Um etwa 14:00 sind wir am Flughafen. Meine Tochter vergißt in der Aufregung ihre Haube im Zug, aber hier ist es ja gücklicherweise nicht mehr nötig, eine aufzusetzen. Dafür die Maske. Soviele Menschen auf einem Haufen sind uns doch etwas unheimlich. Nach dem mühsamen security check überkommt uns der Hunger. Seit dem Frühstück haben wir nichts mehr gegessen. Bankomat funktioniert nicht. Ich kann in meiner Geldbörse noch heiße Euro 15.- sicher stellen. Damit gehen wir zum Wechselschalter. „Wir würden uns gern etwas zum Essen kaufen, unsere Karten funktionieren nicht mehr.“ Ein mitleidiger Blick einer netten Dame mustert mich: „Is that all you have??? We take comission…“ Ja, egal, ich werfe alles hinein. Sie händigt mir 144.- Schwedenkronen aus mit der Anmerkung – sie habe keine Wechsel-Gebühr genommen. Ist das nett, große Freude. Wir stürzen uns auf den nächsten Stand – zwei Tramezzini und eine Flasche Wasser gehen sich aus. Sorry, no cash. Meine Tochter ist genervt und hungerbedingt äußerst gereizt. Wir suchen unser Gate auf. Dort parke ich sie mit unserem Gepäck und mache mich nochmal auf Futtersuche. Es gelingt mir, einen Shop zu finden, der mein Papiergeld nimmt. Noch mal gut gegangen. Das nächste Mal nehme ich mindestens zwei Bankomat Karten, eine Kreditkarte UND Papiergeld mit. Zur Sicherheit. Und ich lerne davor alle Codes auswendig!

Renate Reich, 8. Dezember 2021

 

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.