Geich vorweg: ich bin nicht in Louisiana, am Mississipi oder in New Orleans… aber dennoch in „kreolischem“ Gebiet, auf einer Insel im Indischen Ozean: La Reunion. Jenseits des Äquators, im südlichsten Teil Frankreichs, daher natürlich auch in einem Teil der EU. Darum bin ich da.

Kreolisch bedeutet, vereinfacht gesagt, eine Mixtur. Aus Europa und „irgendwo in Übersee“: Bevölkerung, Sprache, Kultur, Religion, Essen, alles… Und das kann sehr, sehr spannend sein.

Schuld ist der November. Seit ich mich erinnern kann, habe ich den November immer schon nicht leiden können. Mein absoluter „No Go Monat“: nebelig, kalt, grau, schiach, voll entbehrlich… im Oktober ist es ja manchmal noch schön, zum Beispiel zum Wandern – die bunten Blätter, Nüsse, Trauben und der frische Sturm, all das kann noch was. Die letzten Ausläufer des Sommers lassen grüßen und erfreuen mit allerlei leuchtenden Farben. Und dann: November: der kann gar nix. Außer vielleicht ein Martinigansl. Mit Maroni, wenn man Glück hat; das war’s aber auch schon. Im Dezember gibt es dann wenigstens manchmal ein bißchen Schnee oder zumindest die Vorfreude auf Weihnachten, den Advent, die Kerzen, die hübsche, glitzernde Weihnachtsdeko…

Wie auch immer – ich habe mir für dieses Jahr einen Plan zurecht gelegt, dieser unliebsamen Zeit zu entfliehen und diesen auch in die Tat umgesetzt (was so manche mir mehr oder weniger bekannte Mitmenschen in Erstaunen versetzt hat). Word. Done.

Nun bin ich also hier, nach einer äußerst aufregenden Anreise (siehe Kreolisch Reisen Teil 1 und 2) und ich fasse einmal meine Eindrücke der ersten Woche zusammen:

Es ist mega super, den ganzen Tag ohne Schuhe herum zu laufen. Im Haus und auf der Terrasse. Na gut, das war wohl etwas zu persönlich, empfinde ich aber trotzdem so. Großes Wohlbefinden 🙂 es ist (Früh-) Sommer hier.

Die Insel ist eine riesige Mixtur an… allem. Es kommt mir vor, wie wenn ich zu Hause den Kühlschrank öffne und schaue, was es alles gibt und es mir gelingt, daraus eine wunderbar schmackhafte Mahlzeit zuzubereiten. Hier gibt es ganz viel Verschiedenes. Aufgefallen ist mir das erstmals im Supermarkt während ich an der Kasse wartete: hier stehen so viele Menschen unterschiedlicher Statur, Größe, Hautfarbe, Haarfarbe, ein wahrliches Panoptikum. Und dazu noch das viele „Bunt“: Gewänder, Häuser, Möbel, Pflanzen, unzählige Blüten, der Himmel, spektakuräre Sonnenuntergänge,… einfach super truper farben-froh. Ich mag das. Und das Tolle daran ist, dass diese bunte Mischung hier gut zu funktionieren scheint. Die Menschen haben verschiedene Hautfarben, Herkunft, Ethnien, Religionen – was auch immer – es ist egal!!! Sie leben alle auf dieser winzigen Insel (ca. 60 km lang) im riesigen Indischen Ozean zusammen, fühlen sich, so unterschiedlich sie auch sind, als „Reunionaisen“ und jeder darf das sein, was er ist, was er/sie sein will. Irgendein Zufall früherer Generationen hat sie hierher gewürfelt, und sie sind geblieben. Christen, Moslems, Hindus… du findest hier die unterschiedlichsten Religionen und ihre Kirchen, Moscheen, Tempel dicht an dicht nebeneinander, in voller Toleranz. Paradies eigentlich, finde ich. Bei uns wird es hingegen immer engstirniger, ungustiöser, und … eigentlich gefährlich, fürchte ich.

Aber nicht nur die Menschen und ihr Erscheinungsbild sind mannigfaltig, ebenso und ganz besonders hier ist es die Natur. Man kommt sich vor, wie in einem riesigen Blumengeschäft, wie im Tropenhaus, ja oft sogar wie in „Fairytopia“, im Barbie-Fantasie-Land, das ich früher mit meiner Tochter so gern auf DVD angeschaut habe: es gibt riesige Schlingpflanzen und Farne, Blätter und Blüten aller Formen und Farben, Wälder, Steppen, Berge, Schluchten, Canyons, unzählige Wasserfälle, Strände, Sand und 1000e Arten von Palmen, einen Vulkan… paradiesisch, wirklich – und das alles bei herrlich angenehmen (keinesfalls dem Europäer gewöhnlichen November-) Temperaturen.

Am Anfang war ich völlig überfordert – mit Schauen und Staunen und, was, bitte, soll ich denn da NICHT fotografieren? Allein die Tatsache, dass ich meinen Wagen selbst chauffieren muß, läßt mir weniger Zeit dazu, leider.

Mein erster größerer Ausflug führt mich in den Cirque de Salazie, den größten und am leichtesten zu erreichenden der drei hier vorhandenen, imposanten Bergkessel. Dafür stehe ich auch schon um 5:40 auf – und wer mich kennt, weiß, für mich ist das eine außergewöhnliche Leistung, die wirklich eines besonderen Anlaßes bedarf. In den Reiseführern steht die frühe Anreise expilzit als Empfehlung drin, denn schon im Laufe des Vormittags ziehen Nebel und Wolken auf und verschleiern die Sicht auf das wunderbare Bergpanorama. Als ich dann von der Autobahn abfahre und in das Tal einfahre, bin ich erstmal sprachlos. Ich halte an der Seite und genieße den Ausblick, mache die ersten Fotos. Wie gesagt, die Auswahl ist nicht leicht, … die weitere Fahrt wird immer kurviger und steiler, ich ziehe meinen geistigen Hut vor den Straßenbauern.

Es ist, als ob man die Außenkanten eines gefiederten Blattes entlang führe – die Straße schmiegt sich an den Berg, sie kuschelt sich an das Gelände und paspelt es regelrecht ein. Das erfordert viel Aufmerksamkeit beim Fahren. Ich wünsche mir einen Chauffeur oder einen Sänftenträger, so wie es hier in früheren Zeiten die wohlhabenden Reisenden zu praktizieren pflegten. Dann hätte ich noch mehr Chance auf bewundernde Blicke für meine Umgebung. Ist aber nicht. Kommt davon, wenn man mit sich selbst alleine verreist. Und die Sänftenträger müßten ohnehin alle zwei Kilometer (wegen Erschöpfung) ausgetauscht werden, das will man ja doch niemandem zumuten, nicht mehr heutzutage.

Bewunderung allerdings empfinde ich durchaus für die Busfahrer, die sich hier mit äußerster Präzision durch die Gegend schrauben. Mitfahren möchte ich dann aber lieber doch nicht. Da fühle ich mich in meinem wendigen Kleinwagen schon etwas wohler, vor allem beim Durchfahren eines Überhangs, der fröhlich, quasi mitten durch einen kleinen Wasserfall führt.

Ziel meiner heutigen Ausfahrt ist die kleine Stadt Hell Bourg, ein ehemaliger Kurort mit Thermalquellen, die im vorigen Jahrhundert zunächst leider plötzlich erkaltet und mittlerweile völlig versiegt sind. Außerdem hat ein durch einen Zyklon ausgelöster Erdrutsch die Therme vollkommen zerstört. Aber das Dorf mit seinen bunten Häuschen gehört jetzt immerhin offiziell zum erlesenen Club der schönsten Dörfer Frankreichs.

Viele der zur Zeit des Thermen Booms Ende des 19. Jh. entstandenen kreolischen Häuser wurden renoviert und sind durchaus sehenswert, allen voran natürlich das „Maison Folio“ mit seinem legendären Garten. Ich bin so früh dran, dass sich noch locker ein Kaffee ausgeht, bevor die Führung dort beginnt. In einer kleinen Bäckerei kann ich mich unter all den exotischen Leckereien nicht entscheiden und belasse es dann bei einem Heißgetränk. Maniok-, Mango-, Passionsfrucht-, Kürbis-, Ananas- oder Chayote- Kuchen… ???? Was hätte man denn da nehmen sollen?

Um punkt 9:00 finde ich mich mit zwei Franzosen vor dem Gittertor der „Maison Folio“ ein, doch es ist abgeschlossen; zwar elegant ohne Schloß, nur mit Kette, aber dennoch… wir rätseln. Heute ist der 11.11. – ein Feiertag auf der Insel. Ob deswegen geschlossen ist? Um 9:15 trudelt gemütlich eine Person ein und öffnet die Pforten, jaja, alles gut, es geht jetzt los. Pah, Pünktlichkeit, das nimmt man hier nicht so wörtlich genau.

Diese Dame ist eine Kreolin, wie man sie sich bildlich vorstellt. Mittel bis dunkle Hautfarbe, krauses, braunes Haar, volle Lippen. Hätte sie noch ein Kopftuch und Ohrringe, wäre sie das Klischee pur, aber sie trägt Jeans und und T-Shirt und vor allem ein Mundwerk, das man niemals gegen sich gerichtet haben möchte. In unheimlich zungenfertigen, schnellen und gewandten Sprachmanövern erklärt sie den immer zahlreich werdenden Gästen, den Hausgebrauch: zuerst dort drüben Karten kaufen, und jetzt sofort beginnt die Führung. „Kleiner Monsieur, stellen Sie sich bitte hierhin, und Sie, mit dem großen Rucksack, gehen Sie zwei Schritte nach hinten, und die Dame mit dem Hut kommt jetzt zu mir, …nein, dahin, …ja genau so.“

Sie positioniert ihre Gäste wie in einem Schachspiel und erklärt dann ausführlich alle Pflanzen des Gartens, erzählt von deren Herkunft und Verwendung und gibt allerlei Anekdoten zum Besten. Dass man den Riesenbambus wachsen hören kann, dass man Kampferholz zwar für den Bau von allen möglichen Möbeln, aber niemals für Betten verwenden soll, weil es angeblich impotent macht, dass die Frauen auf der Insel aus Rum-Flaschenverschlüssen (ringförmig) mit Zwirn tolle Vorhänge anfertigten und sich die Männer bereitwillig für die Materiallieferung „opferten“… je mehr Verschlüsse desto größer das Stoffwerk. Der Rum wird hier übrigens nicht nur einfach getrunken, sondern vorher liebevoll „arrangiert“. Er wird nach Belieben mit frisch geschnitten Früchten oder Gewürzen verfeinert: Ingwer, Zitronen, Mangos, Vanille… Man versteht es sehr gut, sich zu arrangieren hier auf der Insel, meint sie.

Dazu gibt es allerlei Riech- und Tastproben (von Curcuma, über verschiedene Holzarten, Bambus, arrangiertem Rum…) Leider verstehe ich nur etwa 40%, mein Französisch ist zu sehr eingerostet bzw. ich kann den verbalen Spitzen nicht schnell genug folgen; es ist dennoch sehr unterhaltsam. Neben den spannende Pflanzen und Blüten im Garten gibt es im Haus interessante Gebrauchsgegenstände aus vergangenen Zeiten zu sehen; so auch ein Gerät zum Rühren von Sorbets, das man mit diversen exotischen Früchten und mühsam heruntergekarrtem Schnee des nächstgelegen Berggipfels hergestellt hat (Piton des Neiges).

Nach diesem Feuerwerk an pflanzlichen und sprachlichen Blüten schlendere ich gemütlich durch den kleinen Ort. Eine lokale Jazzband spielt in einem Hinterhof auf, ich fühle mich ein wenig an die Filmmusik von Fellini erinnert, mit viele Blechanteil, ziemlich schräg. Naja, man kann auch vor Publikum üben, wenn es woanders nicht geht… lange halte ich das aber nicht durch. Ich gehe zurück zu meinem Auto und fahre weiter.

Der Flug nach La Reunion ist lang. Laaaaang. Der Sonnenaufgang über Afrika ist spektakulär, ich kann mich gar nicht satt sehen an diesen tollen Farben und mit meinem Handy gelingt mir immerhin ein brauchbares Foto. Dann fliegt man über das Meer, wieder laaaaang. Wolken und Meer. Mehr Wolken, dann wieder weniger. Jedenfalls ganz viel Meer. Und als der Flieger endlich zum Landen ansetzt, sehe ich noch mehr Meer. Ich stelle ich mich innerlich schon auf eine Wasserung ein. Wirklich in letzter Minute taucht die rettende Landebahn auf. Finde ich zwar gut, aber so ein kleiner Inselrundflug davor, wär schon hübsch gewesen. Hatte mich schon so darauf gefreut – die Insel von oben zu sehen. War wohl umsonst.

Der Flughafen ist winzig, und ein bißchen so, wie die auf den griechischen Inseln. Alles ein bißerl improvisiert, in Bau befindlich, etwas vernachlässigt. Ich warte zunächst beim falschen Gepäcksband, ein innerlicher Instinkt sagt mir aber, dass mehr Menschen mit mir mitgekommen sein müßten als hier stehen. Wo sind die alle? Ich mache mich mit meinem Wagerl auf die Suche und finde bald eine beachtlich große Menschentraube. Dicht gedrängt und unmittelbar am Gepäckband, stehen sie alle in der ersten Reihe – und eindeutig VOR der gelben Linie, so als wollten sie alle auf dem Band mitfahren.

Das ist ärgerlich. Denn ich sehe nur Menschen und keine Koffer. Mit meinem Wagerl plus Handgepäck kann ich nicht so nahe ranfahren. Dieses unbeaufsichtigt hinten stehen zu lassen, erscheint mir jedoch nicht als ratsame Alternative. Ich luge zwischen Armen, Beinen, Rümpfen und Köpfen hindurch und erspähe vereinzelt Teile von verschiedenfarbigen Gepäcksstücken. Es kommt mir ein bißchen vor, wie bei Dalli Klick – wer das noch kennt. Man muß anhand winzig kleiner Ausschnitte das ganze Bild erkennen. Mein Koffer hat es aber scheinbar nicht eilig, und als er dann endlich einfährt, sind viele der Wartenden schon weg.

Erstaunlich viele ältere Menschen, die sichtlich wanderfroh sind, reisen in diese Gefielde. Schon im Flieger mit Wanderschuhen, wetterfestem Anorak und Rucksack unterwegs, sprachlich gesehen hauptsächlich Gallien und dem Schweizerland zuzuordnen. Und interessanterweise auch ein paar gleichgeschlechtliche Paare. Ich bin auf jeden Fall die einzige, die hier ganz allein anreist. Noch dazu aus Wien.

Nächste Aufgabe: Auto abholen; die Kleinheit des Flughafens macht es leicht, die richtige Stelle zu finden, nur waren leider die Leute, deren Koffer schon früher ins Ziel eingefahren ist, schon vor mir da. Ich warte eine halbe Ewigkeit, die lassen sich Zeit, hier, wir sind ja im Süden…

Als ich schlußendlich alles ausgefüllt, unterschrieben und unter den vielen, ausnahmslos weißen (und ein paar wenigen silbernen) Fahrzeugen das passende gefunden habe, fällt mir ein kleiner Stein vom Herzen. Ich ziehe – endlich ! – mein im Handgepäck mitgebrachtes Sommergewand an, ich bin nämlich einem Kreislaufkollaps nicht unnah. Es ist 12:00 Mittag und es hat fast 30 Grad. Juhuu, Sommer… Uffffffffff.

Und dann wird es wieder stressig. Ich montiere mein extra neu gekauftes, frisch mit Afrika-Karte (inkl. La Reunion) beladenes Navi, aber es kennt sich nicht aus. Ein blauer Pfeil auf weißem Grund. Na super. So g’scheit bin ich auch. Ich versuche es mit dem Handy, doch leider: kein Internet. Hier bin ich nun endlich 🙂 im heißen (weißen Navi-) Nirvana und weiß nicht, wohin ich fahren muß. Mein Vermieter hat gebeten, ihn anzurufen, wenn ich da bin – leider habe ich mir aber die Nummer nicht notiert, steht ja eh im Airbnb Verlauf… super – kein Netz, kein Net, keine Nummer.

Noch bevor ich anfangen kann, irgendeine Art von Verzweiflung zu entwickeln, läutet mein Telefon. Es ist Jano, mein Vermieter. Wo ich denn so lange bleibe? Herzlich willkommen, aber es gibt ein Problem, er muß nämlich eigentlich schon wieder weg. Ob ich eh weiß, wie ich fahren muß… ? Nein, aber ich hoffe es ist ausgeschildert, weil mein Navi geht nicht!! Also, ich soll mich doch bitte beeilen, er beschreibt mir den Weg – auf französisch natürlich 🙁 …und wir wollen uns bei einer bestimmten Ausfahrt treffen. Na gut, ich fahr halt mal los.

Ein geistiger Blick auf meine innere Landkarte sagt mir, dass ich himmelsrichtungsmäßig nach links muß, das wäre geographisch sinnvoll. Dieser Geistesblitz führt mich zunächst aber nur in eine Sackgasse. Besser, wäre es vielleicht doch, zuerst mal eine größere Straße zu suchen.

Der Verkehr in der Hauptstadt Saint Denis ist jedenfalls auch kein „Lercherlschas“, wie man so schön sagt, bei uns in Wien. Aber ich hab’s ja eh nur – ein bißerl – eilig und kenn mich dafür – gar nicht – aus. Ich versichere mich mit einem Anruf bei Jano, dass St. Paul die richtige Richtung ist ? „…ja passt, immer nur rechts halten.“ In einem der zahlreichen Kreisverkehre halte ich mich ganz weit rechts und finde mich flugs auf einer vom Rest der Straße baulich mit Beton abgetrennten Busspur wieder. Schön langsam komme ich mir vor, wie einer dieser Helden aus den „Spaßvogel“ oder „Tollpatsch“ Filmen, die aber auch gar kein Fettnäpfchen auslassen.

Die Busspur vereint sich nach etwa einem halben Kilometer wieder mit dem Rest der Straße, (danke vielmals!!! zurück kann man da nämlich auch nicht mehr) ich fahre auf die Autobahn und lege mal ein wenig Zahn zu.

Nun geht alles sehr schnell: besagte, vorher vereinbarte Ausfahrt ist ebenso leicht gefunden wie meine Kontaktperson und kurz darauf sehe ich mich schon hurtigst einem Motorrad folgen. Jetzt aber eher wie in einem James Bond Film, zunächst auf der Autobahn, dann steil bergauf, durch eine beträchtliche Anzahl von Kehren, Haarnadelkurven und über plötzlich auftauchende, relativ hohe Schwellen. Also, eines darf man in diesem Land sicher gar nicht haben: Angst vor Bergfahrten! Ich bin ja von diversen Italien Urlauben, bezüglich enger Gäßchen und speziell meinem Elba Aufenthalt bezüglich enger und steiler Bergstraßen einiges gewöhnt, aber das toppt eindeutig alles. Eine plötzliche spitze Linkskurve führt unerwartet in eine gänzlich unbefestigte Straße, mit bemerkenswerten Schlaglöchern in hübscher roter Erde. Dann geht es nach rechts und steil bergab. Ich weiß nicht, aber ich glaube, dieser Steigungsgrad wäre in Österreich straßenbaulich nicht genehmigt. Ich wünsche mir augenblicklich ein Kettenfahrzeug.

Zu meiner Erleichterung sind wir bald darauf da, ich werde in meinen Parkpatz eingewiesen und steige mit großer Freude aus. Ich habe wirklich Glück, das Haus ist ein Traum, die Aussicht auf’s Meer fantastisch, es ist ein Sandwich für mich vorbereitet und ein Bier eingekühlt: Le Dodo e la! So heißt das Bier nämlich hier. Dodo. Schön. Exotisch. Cool. Nach dieser kleinen, sehr willkommenen Erfrischung schleppe ich mich und mein Gepäck in mein Zimmer und will nur noch eines: In Ruhe und bequem ausgestreckter Lage schlafen.

Was macht eine Taxifahrt gemütlich? Ein gutes, bequemes Auto und ein netter Fahrer. Was macht eine Taxifahrt unvergesslich? Dieser Fahrer. Ein besonders netter. Gemütlich war’s allerdings nur eingeschränkt.

Ich erzähle ihm von dem Herrn, der sich als Taxifahrer angeboten hat, „Mr. Pseudo UBER“ und er meint, ich hätte einen guten Instinkt gehabt. Es gibt in Paris falsche Taxis, die zocken einen total ab. Wer meine Reisegeschichte aus Russland kennt, weiß, das abgezockt werden eher meine geringere Sorge ist. Taxifahren in St. Petersburg mit Unbekannten ist nämlich lebensgefährlich. Zum Glück sind wir aber in Paris und zum Glück hab ich diesen netten Fahrer erwischt. Ob ich internet will, er kann das für mich einschalten, gratis – wenn ich möchte. Ja, klar, gerne. Ich krame all mein eingerostetes Französisch hervor und sage mindestens 10x „si“ statt „oui“, aber immerhin verbessere ich mich gleich, nach dem es rausgerutscht ist. Zu viel in Italien gewesen und in spanischen Gefielden in den letzten Jahren. Naja, zumindest wenig in französischen. Immerhin habe ich einst in Französisch maturiert, Camus und Sartre gelesen. Schwarze Rollis fand ich auch immer tres chic.

Es hätte ein entspanntes, lockeres Gespräch sein können, wenn nicht dieser blöde Stau gewesen, und ich auf Nadeln gessesen wäre. An diesem Abend wollte ich nämlich wirklich nicht in Paris übernachten. Ich verfluchte mich noch mal innerlich ob meiner Naivität bzw. Unachtsamkeit bei meiner Flugbuchung und ergab mich meinem Schicksal. Entweder es geht sich aus oder nicht. Basta.

Irgendwie kommt unser Gespräch dann auf die Musik – mir war aufgefallen, dass er einen Sender laufen hatte, der Jazz spielt – Freude. Ich erzähle ihm von meinen Gesangskursen im sommerlichen Italien und davon, dass ich Jazz Sängerin bin und in La Reunion ein Konzert singen werde. Er fragt mich nach meinem Namen und googelt. Das geht im Stau recht gut, so ganz nebenbei.

Als er mich und meine Musik auf youtube gefunden hat, läßt er sie im Fahrzeug laut laufen, ich finde das cool, im Taxi, irgendwo in Paris ich als Fahrgast mit meiner Musik aus dem Lautsprecher… Nach einer kleinen Weile dreht er plötzlich das Licht auf, kramt ein Büchlein hervor und sagt feierlich: „Ich bin ganz aufgeregt, Sie hier bei mir zu haben, Madame, darf ich Sie um ein Autogramm bitten?“ LOL…, ich glaub‘, ich werd‘ nicht mehr!

Ich kritzle eine Widmung in das Buch und ich scherze, „…wenn Sie mir einen guten Preis machen, schicke ich Ihnen eine CD von mir“. Von CDG nach Orly ist es nämlich nicht nur eine weite Strecke, sondern (im Taxi) auch sauteuer. Etwa eine Stunde vor der geplanten Abflugzeit erreichten wir dann schließlich unser Ziel. Er macht mir wirklich einen guten Preis und schreibt mir noch seine Kontaktadresse auf: „…wenn Sie einmal ein Konzert in Paris singen, rufen Sie mich an, ich chauffiere Sie gratis!“ Ich finde das voll süß!

Ich hüpfe aus dem Wagen und suche mein Abfluggate bzw. die Gepäcksaufgabe für meinen Flug. Am Schalter herrscht gähnende Leere, ein Security Mann sagt mir zwei Mal, „Sorry Lady, die Gepäcksaufgabe ist schon abgeschlossen, da geht jetzt nichts mehr.“

Das darf  jetzt aber echt nicht wahr sein!! Ich ignoriere ihn geflissentlich, galoppiere an ihm vorbei und habe Glück, denn am Schalter sitzen freundliche Menschen. Ein Telefonat, dass da noch eine Lady mit Gepäck sei und ein anschließendes Kopfnicken befreit mich von meinen schlimmsten Befürchtungen. Na also geht doch! Geschafft.

Es ist fast noch eine Stunde bis zum Abflug, aber das Boarding ist schon munter im Gange. Etwas verwundert reihe ich mich in die Schlange der Wartenden ein. Ja klar, bis so ein Riesenvogel anständig und ordentlich mit Menschen und Gepäck befüllt ist, dauert das schon eine Weile.

Pünktlich hebt der Flieger ab, die ersten zwei Stunden sind eher ungemütlich und rumpelig – wie schon auf dem Flug aus Wien nach Paris, denn es gibt ziemliche Turbulenzen. Serviert wird daher auch nichts. Leider. Ich schaue mir einen lustigen Film an, um mich abzulenken. Als ich es beim Blick aus dem Fenster in unmittelbarer Nähe einige Male imposant blitzen sehe, ziehe ich die Blende herunter. Ein bißchen mulmig ist das schon, aber die Stewardessen, haben begonnen, zu sevieren. Immerhin. Wird schon passen.

Nachtrag zum Taxifahrer in Paris: ich hatte mangels besseren Erinnerungsvermögens an meinen französischen Wortschatz in sein Büchlein reingeschrieben „Danke, dass Sie mich in Orly genommen haben“ statt „Danke, dass Sie mich nach Orly mitgenommen haben“ Eine Freundin machte mich darauf aufmerksam, als sie den facebook post sah. Haha, der wird sich das wohl einrahmen… oder auch nicht ?! Vielleicht verbietet ihm dann ja seine Frau, mich bei meinem nächsten Konzert in Paris zu chauffieren…?! OMG

Einen Flug zu buchen ist heute relativ einfach. Suche im internet, nach ein paar clicks hast du die gewünschte Destination an gefälligem Datum und gleich ein Mietauto dazu. Fertig. Ein Reisebüro oder eine Person mit Insiderwissen wäre dennoch die bessere Wahl gewesen. Aber so hab ich dafür mehr zu erzählen… naja. Ich beginne von vorne.
Ich habe mich an einem Sonntag vor meiner viewöchigen Wien-Abstinenz noch ausgiebig kulinarisch von meiner Heimat verabschiedet. In einem echten alt eingessesenen, traditionellen Cafe in der Gumpendorfer Straße, mit Leberknödelsuppe (na servas – mit vier Stück!! – volle Hauptmahlzeit), Mohntorte und einem großen Braunen sollte die gute Erinnerung an mein Zuhause noch für eine Weile aufrecht erhalten werden. Als es zum Zahlen kam (immerhin heiße Eur 8,20), bemerkte ich das definitive und tatsächliche Fehlen meiner Geldbörse. Der Wirt meinte nur: „…des is aber schlecht.“ Mir war das ziemlich peinlich, doch mein Hirn fand auch in dieser Situation rasch eine Lösung: ich hatte noch zwei Schüler zu unterrichten, also würde ich einen, den ich schon länger kenne, um 10 Euro anschnorren und das Geld später vorbeibringen. Funktionierte wunderbar.
Der Wirt bedankte sich überschwänglich, als hätte ich ihm einen Gefallen getan, aber wahrscheinlich war es nur wegen des relativ guten Trinkgeldes. Meine Geldbörse, ach ja, die lag schon fein säuberlich vorbereitet bei meinen Reiseutensilien. Was nimmt man mit für vier Wochen und praktisch JEDES Wetter? In den Bergen kühl, an der Küste heiß…! Auf jeden Fall eine Geldbörse. Das Kofferpacken ging dann relativ rasch von sich, da ich gar keine andere Wahl, sprich: wenig Zeit hatte. Am Flughafen sagte die Kontroll-Waage Koffer: 25 Kilo, also mußten die Ölkreiden, eine Jacke, ein paar Schuhe eine Badetasche und meine geliebten Tusche-Fläschchen wieder raus. Nach erneuter Abwägung (22 Kilo?) durfte das Zeichenmaterial wieder mit. Na dann. Ich hoffe, ich habe Zeit, es zu verwenden.Ich genoß mit meinem Mann noch einen Kaffee am Flughafen, besser gesagt er genoss den Kaffee und passte auf mein Gepäck auf, während ich noch in der Apotheke, im Buchladen und beim Billa Lebensmittel einkaufte… Aber was tut man nicht alles für einen geliebten Menschen?! Meinen Kaffee trank ich dann erkaltet, alleine, da er dann auch schon wieder weg mußte.Die erste schöne Nachricht am Gate war die, dass der Flieger aus Paris noch nicht eingetroffen und daher mit einer Verspätung zu rechnen sei. Zunächst mit 15 Minuten aus der schlußendlich 44 Minuten wurden. Das wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, hätte ich nicht in Paris die Aufgabe gehabt, den Flughafen zu wechseln, um den Anschlußflug nach St. Denis, Reunion zu nehmen. Nun muß man wissen, dass es vom Flughafen Charles De Gaulle, wo ich landete, bis nach Orly etwa eine Stunde und 10 Minuten braucht. Und da wäre der hilfreiche Hinweis einer kundigen Person vonnöten gewesen, die mich darauf aufmerksam gemacht hätte, das man sowas NICHT buchen soll, oder dass das in diesem Zeitrahmen zumindest ned leiwand is!!Von nun an war alles Stress pur. Mit ständigem Blick auf die Uhr holte ich mein Gepäck ab, das erfreulicherweise erstaunlich schnell da war, und suchte nach dem Shuttle Bus nach Orly, für den ich in Wien einen Voucher bekommen hatte. Ein freundlicher Hinweis einer Dame führte mich fälschlicherweise ans andere Ende des Flughafens, wo es zwar einen Airport Shuttle gab, aber nicht den nach Orly.

Was man für ungaubliche Kräfte entwickeln kann, merkt man dann, wenn es wirklich vonnöten ist. Mit voller Kraft voraus hirschte ich mit meinen beiden Rollis wieder ans andere Ende des Flughafens, wo man mir nach zwei erfolglosen Auskunftsansuchen versicherte, ja, der Busbahnhof sei hier, genau vis a vis. „Aber der Bus geht nicht, weil die Fahrer sind seit etwa einer Woche im Streik“!!! „Können die mir das nicht in Wien sagen, diese Vollkoffer!!!“  Leichte Verzwiflung setzte ein, doch die Lösung war klar. Und sie kam auch in Form eines freundlichen Mannes, der mich fragte, ob ich ein Taxi brauche. Jaaaaaaa!!! Ich will.

Er schnappte sich meinen großen Koffer und führte mich durch ein paar Aufzüge und Drehtüren zu seinem Wagen: große Limousine in schwarz, jedoch kein Taxi Schild, kein Aufkleber, gar nichts. Er sei von UBER, sagte er, das sei viel billiger. Ich fragte, was die Fahrt kosten solle, .. naja das kommt darauf an… Das war mir jetzt schon nicht geheuer. Ich wollte seine UBER-Linzenz oder irgend etwas in der Art sehen. Mein großer Koffer war schon in seinem Kofferraum. Ah, sie wollen meinen Führerschein sehen? Nein, die Lizenz….! Aha, Sie können gerne ein Foto von meinem Führerschein machen… „Nein danke!“, ich sprintete aus dem Wagen, holte meinen Koffer wieder aus dem Heck und sagte, „Ich nehme mir jetzt ein Taxi! Ein richtiges.“ „Oui Madame, pas de probleme…“

Pfffffff… jetzt mal nicht die Nerven verlieren. Ich sah Taxis ankommen, Leute ausladen und fragte zwei von ihnen, ob sie frei wären, aber sie meinten, sie dürften mich nicht mitnehmen… Genau jetzt hätte ich am Liebsten meine Nerven weggeschmissen, wenn ich gekonnt hätte. Ein Instinkt führte mich wieder zurück ins Flughafengebäude, wo ich erkannte, dass die Wegfahrebene mit freien, grün leuchtenden Taxischildern genau eine Ebene unter mir lag. Na dann…

Schlußendlich saß ich endlich in einem offiziellen Taxi auf dem Weg nach Orly. Na geht doch. „Leider, es ist Hauptverkehrzeit, Madame, die Straßen sind ziemlich „beschäftigt“ wie man hier sagt“… Ich sah schon die lange Kette an roten Rücklichtern vor uns auf der Autobahn… Stau!  What shall’s, wie man bei uns sagt – tief durchatmen und ausharren…  ich hatte ohnehin keine Wahl.

Von fliegenden Bösewichten, unendlich langen Rolltreppen und dem Geheimnis des Taxifahrens

 

Das Boarding beginnt überpünktlich: Flughafen Wien, 11:00 – Aeroflot Flug nach St. Petersburg. Der Flug ist gut „gecastet“. Ich stehe in einer Reihe mit mindestens zehn potentiellen Darstellern eines James Bond Films: finsterer Blick, nicht sonderlich attraktiv, markante Nase, kräftiger Körperbau – der typische russische Bösewicht. Dazwischen verstreut einige Damen mit markanten, blonden einander sehr ähnlichen Kurzhaar-Frisuren, die meisten mit Pelzmütze oder -Kragen und mindestens einem Plastiksackerl.Ich schaue mich lieber nicht unter meinen Mitreisenden um, sonst komm ich noch auf blöde Gedanken… Als ich 1/2 Stunde vor Abflug schon im Flugzeug sitze, ist das eher ungewöhnlich, das findet auch mein Mann, der mir per Telefon noch eine gute Reise wünscht. Die potentiellen Bösewichte verhalten sich unauffällig, der eine neben mir schläft wie auf Knopfdruck ein, als das Flugzeug abhebt… die Durchsagen auf russisch beunruhigen mich wenig, da ich ohnehin kein Wort verstehe und der Tonfall der männlichen Stimme (vor Freundlichkeit nicht gerade strotzend) sehr sachlich und informativ gehalten ist (jedenfalls gibt es scheinbar eine Menge zu sagen) – ich fühle mich wie eine Kosmonautin auf dem Flug zu einer Raumstation, in äußerst wichtiger Mission. Als wir dann auch noch 30 Minuten früher als vorgesehen landen, und das Gepäck etwa 10 Minuten danach auf dem Fließband einfährt, fühle ich mich beinahe überrumpelt.Willkommen in St.Petersburg, meine Abholperson steht mit einem Riesenschild auf dem mein Name steht, in der ersten Reihe der Wartenden – ich kann gar nicht aus…
Dann, ganz plötzlich, macht die Zeit einen Sprung und es ist fast so, als würde man Bremsen quietschen hören – von jetzt an passiert alles irgendwie in Zeitlupe… Oksana (meine Abholperson) – ein junges Mädel mit hübscher, weißer flauschiger Echtpelzmütze telefoniert auf ihrem Handy (solche Modelle gibt es bei uns glaub ich nur mehr im Second Hand Handy Shop)… und das dauert… sie sagt, sie wartet auf den Fahrer… dann telefoniert sie etwa noch dreimal, dazwischen vergehen sicher 30 Minuten – wir konversieren einstweilen smalltalkend. Ich wundere mich, und frage mich, was da so schwierig sein kann…Es ist Februar, draussen hat es schätzungsweise minus 10 Grad, alle Einheimischen sind irgendwie in eine Art von Pelz gehüllt, die Sonne scheint diffus und irgendwo weit weg, das Flughafengebäude wirkt ein wenig verschlafen. Wir stehen in der Gegend rum und warten.Endlich kommt ein Taxi… ja, das ist unseres – bestätigt. sie. Ich verstehe immer noch nicht wirklich. In anderen Ländern geht man beim Flughafen raus und ruft sich ein Taxi… aber ich weiß schon – auch von Wien – das kann teuer werden – also lieber eines bestellen. Alles klar.
Wir fahren, die Sonne scheint jetzt in echt. Ich schaue aus dem Fenster und stelle fest, die Russen sind definitiv keine passionierten Autowäscher. Jedes zweite Auto ist von oben bis unten dermaßen mit Dreck versaut, dass man die Nummernschilder nicht lesen kann… ich frage mich ob das Berechnung ist??Was möchte ich denn gerne machen in St.Petersburg während meines Aufenthaltes werde ich gefragt. Ja, also unbedingt eine Bootsfahrt auf den zahlreichen Kanälen, das hab ich mir im Reisführer angeschaut – St. Petersburg ist ja das Venedig des Nordens, und eine Busfahrt durch die Stadt mit einem Hop on Hop Off Bus – falls es sowas gibt; das hat mir mein Reiseführer aber leider nicht verraten. Meine Reisebegleiterin lächelt freundlich und sieht mich mit einem Blick an, als wäre ich ein wenig geistig retardiert, nicht gänzlich ohne Mitleid.Dann, nach der nächsten Kurve, verstehe ich warum – wir queren den großen Fluß, die Newa: eine Mischung aus dem Gefühl unsagbarer Peinlichkeit und Ärger breitet sich in mir aus: der Fluß ist knallhart und bretteleben zugefroren, ganz in weiß, hübsch zugeschneit. Nix mit Bootfahren. Sicher nicht. So lange ich hier bin. Ich schlucke und sage zunächst einmal nichts mehr. Eislaufschuhe hätte ich mitbringen sollen…
Nach einer sehr, sehr, sehr langen Fahrt kommen wir endlich im Hotel an. Das sP Hotel – ein Plattenbau aus den 70igern, architektonisch schlicht, streng und betongrau – mit einem Wort: häßlich, aber das ist wohl eher untertrieben. Ich komme zur Rezeption. Dort fristet Ende Februar fröhlich eine Plastik-Weihnachtsdekoration ihr – meines Erachtens eher unberechtigtes Dasein; aber vielleicht ist hier Weihnahten das ganze Jahr – wer weiß wann und ob dieser Fluß überhaupt jemals auftaut??Die Rezeptionistinnen, drei an der Zahl, gut gekleidet, gut frisiert und noch besser, aber vor allem sehr intensiv geschminkt – versuchen, mich zuerst einmal zu ignorieren; kein Blickkontakt, kein Garnix; geschäftig tippen sie und wuseln hin und her, ich fühle mich ziemlich überflüssig. Nach etwa einer gefühlten halben Stunde fällt es einer der Damen scheinbar aus heiterem Himmel ein, mich zu beachten, freundlich, mit erkennbarem Englisch. Mein Name ist so und so ich habe ein Zimmer von so und so reserviert bekommen und ich wäre jetzt bitte schön da, um einzuchecken!! Ja, sehr gerne, tipp, check, aha, okay, ja, sehr gerne, bitte eine Augenblich warten…
Ich lasse mich in der Lounge nieder. Meine Reisebegleiterin ist immer noch da, sie scheint das zu kennen; wir plaudern über dies und das, ich erfahre, dass sie Japa-nologie und Kunstgeschichte studiert, und sie bietet mir eine Privatführung durch die Kunstsammlung „Eremitage“  an – ja, klingt gut! Auf einem Bildschirm sehe ich in Schleife die weissen Nächte und Sehenswürdigkeiten von SP – eh schön!Endlich heißt es „your room is ready!“ Ich sehe schon die Sonne untergehen… immerhin war ich schon zu Mittag da, und habe den Nachmittag äußerst sinvoll verbracht – am Flughafen, im Taxi und in der Hotel Lobby. Meine Laune ist im Keller, doch dann gesellt sich mit dem Rubel Problem noch eine tiefere Etage dazu – ich möchte noch gerne in die City – aber ohne Rubel geht gar nix. Um die Ecke wäre eine Wechselstube heißt es, die suchen wir auch auf. Um die Ecke ist um die zehn Ecken, aber egal, man ist hier hauptsächlich damit beschäftigt, nicht auszurutschen, alles ist gefroren und das Eis macht interessante Hügel auf Gehfächen, die als solche teilweise fast nicht erkennbar sind. Wieder vermisse ich ein wenig meine Eislaufschuhe.Es ist vollkommen dunkel, als ich endlich – oh Jubel voller Rubel – meine Kemenate beziehen kann. Das Zimmer ist klein und schlicht, hat aber einen großartigen Ausblick auf die Newa und das gegenüberligende, prunkvoll beleuchtete Ufer – ein Lichtblick 🙂Und jetzt ab in die City – Oksana zeigt mir den Weg zur U-Bahn. Nach dem mittlerweile schon bekannten Eisrutenspießlauf geht es in die Tiefe. Aber sowas von. So eine Rolltreppe habe ich überhaupt noch nie gesehen. Ich glaube, sie führt direkt zum Mittelpunkt der Erde. Denn von oben kann man das Ende der Treppe gar nicht sehen!! Ich bin beeindruckt! Das Sumpfland ist dafür verantwortlich erklärt mir die Allwissende, daher mußte die U-Bahn in den 1890ern so tief gebaut werden. Ein architektonisches Juwel, by the way! Kronleuchter, Marmorböden, Stuck und Statuen, rollende Holztreppen, und alles pipifein geputzt. Am Bahnsteig fährt sogar ein Boden-Putzwagen auf und ab, so einen sieht man sonst nur in Supermärkten oder besseren Hotels. Ich bin begeistert. Kein Dreck Lulu und Taubenschiss wie in Wien. Keine Sandler, keine Junkies – wo immer die auch sind – hier sind sie jedenfalls nicht.

Wir verabschieden uns, sie fährt nach Hause in die andere Richtung – ich fahre in die City. Ich steige aus und bin kurz darauf in der Prunkstrasse SP – alles wundervoll und märchenhaft beleuchtet. Man muß schon bedenken, dass hier im hohen Norden die Nächte zeitweise lang sind und daher die Beleuchtungskultur der Gebäude einen anderen Stellenwert hat.

In einem Einkaufszentrum, das in den Arkaden eines sehr alten, schönen Gebäudes beheimatet ist, finden sich allerlei Skurillitäten: Babuschkas in allen Größen, Formen und Ethnien, Leckereien, bunt bemalte Eier, Tiere und natürlich alles was man unter Kunst und Kitsch einordnen kann. Ich fotografiere so lange bis mein Hunger unerträglich wird und lasse mich dann in einem Lokal nieder, das mit wunderbaren Palatschinken mit Kaviar und roten Rüben wirbt. Das will ich. Es schmeckt großartig und ich fühle mich weit weg von zu Hause und aber sehr gut“

 

Endlich. Es ist zwei Uhr früh. Der letzte Hahnenschrei ist soeben verklungen, wir können beruhigt einschlafen. Wenn nicht wieder irgendwo ein Hund zu bellen beginnt, oder laut klappernd eine Pferdekutsche vorbeifährt, oder ein antiquiertes Motorrad. Ich wünsche mir zumindest ein wenig Schlaf, so etwa ein, zwei Stunden? Dann beginnt sowieso der Hahn wieder. Erst einer, dann alle anderen. Und der singende Brotverkäufer macht seine erste Runde durch die noch finstere Straße: „Pan, Pan Criollo“ schreit er mit dem Federvieh um die Wette, stimmlich mindestens ebenso begabt wie die hier allseits beliebten Haustiere: in Trinidad haben alle einen Vogel! Und wer bitte kauft überhaupt um diese Zeit schon Brot?!

Trinidad, eine Stadt an der kubanischen Karibikküste im Süden der Insel ist nichts für akustisch sensible Menschen. Mein Partner, ein Musiker mit feinen Ohren, hat glücklicherweise einen ausreichenden Vorrat an Ohropax mitgebracht. Unsere 13-jährige Tochter schläft zum Glück noch überall gut, egal wo und wie. Mich selbst nervt der nächtliche Lärm zwar auch, aber als Kind des Orients kann ich mich nach einer gewissen Zeit daran gewöhnen. Der Schrei des Muezzin in der Morgendämmerung gehört zu meinen frühesten Erinnerungen an meine Kindheit in Kabul, wo ich gelernt habe, akustisch Unliebsames bei Bedarf auszublenden.

Am nächsten Morgen müssen wir trotz Unausgeschlafenheit jedenfalls früh aus den Federn. Unsere Pferdekutsche, eine gummibereifte, dachlose Pritsche mit hölzerner Sitzbank, wartet bereits auf uns, denn in der kühlen Morgenfrische reist es sich bequemer. Ein gut gelaunter, dunkelhäutiger Mann in roten Hosen, kariertem Hemd, breitem Lächeln und Cowboyhut begrüßt uns in passablem Englisch und weist uns unseren Platz zu. Platz ist übertrieben, aber es geht sich irgendwie aus, Po an Po zu viert auf der engen, harten Bank.

Wir verlassen das Dorf landeinwärts in Richtung Escambray Gebirge, müssen aber nach kurzer Zeit windigen, frischen Fahrgenusses leider schon wieder aussteigen. Die Straße führt steil bergab und die Kutsche wäre mit unserem Gewicht nicht zu bremsen, also heißt es jetzt, ein Weilchen zu Fuß laufen.

In der Talsohle dürfen wir wieder einsteigen und es geht hurtig dahin. Unser Reiseführer plaudert ausgiebig freundlich mit uns und erzählt von ehemaligen Zuckerrohrplantagen, Sklaven und Dampfeisenbahnen, die es hier einmal gab. Über uns kreisen große Raubvögel, die man sehr oft und auf der ganzen Insel sieht, ebenso wie die seltsamen weißen, storchartigen Stelzvögel, die immer in Begleitung eines befreundeten Rindes zu sein scheinen. Der Mann mit dem Cowboyhut gibt erstaunlich fachkundige Antworten auf meine zahlreichen naturkundlichen Fragen und nach einer Weile stellt es sich heraus: er ist Tierarzt. Eigentlich. Ausgebildeter Tierarzt. Nämlich. Ja, in Kuba studieren, das ist einfach, es kostet auch nichts. Nur den Beruf ausüben, das ist eine andere Sache. Das macht er jetzt nicht mehr, es sei denn, ein Freund braucht Hilfe bei der Geburt eines Kalbes, oder so. Aber mit den Touristen und seiner Kutsche verdient er jetzt ein Vielfaches seines staatlichen Tierarztgehaltes.

Und dann, aus heiterem Himmel, ganz plötzlich, passiert etwas, das ich zwar kommen sehe, aber nicht abwenden kann. Also, ich habe einfach zu wenig Zeit, um rechtzeitig angemessen zu reagieren: das Pferd, ein brauner, stattlicher Hengst mit beachtlichem Hinterteil, hebt in vollem Lauf seinen Schwanz in die Höhe und es ergießt sich eine braune, gut geformte Masse auf das Trittbrett und auf meine Turnschuhe. Converse. Dunkelblau. Vorher jedenfalls. Mit Blättern und Taschentüchern beseitige ich notdürftig das Debakel, unser Reiseleiter vergrößert den Abstand zwischen Pferd und Kutsche und schon geht es weiter. „Sorry, Lady.“

Nach etwa einer halben Stunde weiteren fröhlichen Fahrens, Plaudens und Staunens parken wir unser Gefährt unter einem riesigen Mangobaum. Wir machen Rast auf einem Bauernhof, der möglicherweise aus dem vorigen oder vielleicht sogar aus dem vorvorigen Jahrhundert zu stammen scheint. Ein paar selbst zusammengezimmerte Tische, Baumstämme als Sitze, darüber ein Strohdach, und fertig ist die Raststation. Zur Begrüßung gibt es frisch gepreßten Zuckerrohrsaft mit Zitrone, sehr süß, nicht unteuer, aber köstlich, und ein Bierchen für unseren Herrn Doktor.

Der Wirt, ein geborenes Fotomodell, gesellt sich zu uns. Ein vor sehr langer Zeit geborenes Fotomodell zwar, aber durchaus eine Erscheinung, und sehr typisch für Kuba: dunkelhäutig, in Jeans und kariertem Hemd, mit Hut und Gitarre, einem charmanten Lächeln, nahezu zahnlos. Im Reiseführer heißt es, auf dieser Insel würde Spanisch geprochen, aber davon merke ich hier kaum etwas. Dieser Kauderwelsch ist mir neu und vor allem komplett unverständlich. Egal, der alte Mann lacht, was das Zeug hält und hat eine Freude, die ansteckend wirkt. Als er sich dann anschickt, ein Lied zum Besten zu geben, bin ich wirklich restlos beeindruckt: Troubadix hätte es nicht besser machen können. Die Gitarre vollkommen verstimmt, die Melodie und der Rhythmus vollkommen zusammenhanglos. Entweder er hat Arnold Schönberg und die Neutöner studiert oder, was ich eher vermute, er war eigentlich vollkommen taub.

Bisher haben wir in Kuba ausschließlich exzellente, gekonnt dargebotene Live-Musk gehört, in jedem einzelnen Lokal. Das hier bleibt mir aber in besonderer Erinnerung, wirklich skuril und absolut einzigartig. Nach dieser kulturellen Bereicherung – und das meine ich nicht abwertend – wollen wir unsere Reise fortsetzen. Vorher noch mal kurz austreten und dann geht es weiter…

Der Weg zur „Toilette“ führt durch das Tiergehege. Ich stapfe durch ein freudiges Durcheinander an allem, was man auf einem Bauernhof traditionellerweise zu finden vermag, zuzüglich einer Riesenratte in einem leider sehr klein geratenen Käfig. Ich erinnere mich, darüber gelesen zu haben, dass dieses Tier mittlerweile eine vom Aussterben bedrohte Art ist, die einst in großer Zahl vorhanden, den Eingeborenen mangels anderer auf der Insel endemischer Säugetierarten als schmackhafte Nahrung diente. Das letzte seiner Art? Mitleidig wende ich meinen Blick auf die andere Seite.

Eine Frau in Gummistiefeln, mit buntem Tuch auf dem Kopf kommt mit einem Kübel und schüttet etwas Unerkennbares in einen der Länge nach aufgeschlitzten Autoreifen. Allgemeine Fütterung. Danach geht alles unheimlich schnell. Eine große Menge Hühner eilt herbei, gefolgt von ein paar Gänsen und Enten, etwa fünf Ferkel stossen grunzend dazu, stellen sich sofort laut schmatzend mitten in den aufgeschlitzten Reifen und verdrängen einen Großteil der Hühner, zwei Hunde versuchen auch ein paar Bissen zu erhaschen, während die drei Katzen das Freßspektakel aus einiger Entfernung zu überwachen scheinen. Ich frage mich, ob bei diesem Anblick das Herz eines europäischen Biobauern vor Freude hüpfen oder eher stehen bleiben würde? Ich bin mir nicht ganz sicher.

Etwa eine Stunde später schwimmen wir in einem kleinen Naturbecken unter einem Wasserfall im Regenwald. Wären nicht noch so viele andere Touristen hier, könnte man es als echtes kleines Stück vom Paradies bezeichnen. Auf dem Weg zurück zu unserem Gefährt, das wir unter dem mächtigem Blätterdach eines Mangobaumes zurückgelassen hatten, gibt es noch ein Tässchen Urwald Kaffee: pechschwarze Bohnen, im hölzernen Mörser zerstampft, in einem verbeulten, fragilen Alukännchen aufgekocht und durch einen sehr betagt aussehenden Stoff-Filter gegossen. Der hatte in seinem früheren Leben wahrscheinlich als Socke gedient. Also ziemlich sicher sogar. Ein für Kaffehaus-Hygiene zuständiger Beamter (aus Nordamerika z.B.) wäre wohl beim bloßen Anblicks dieses Cafes verstorben, wir staunen und genießen das edle, schwarze und äußerst schmackhafte Getränk, lauschen den zarten Geräuschen des Waldes und dem Lachen der miteinander scherzenden Kutscher.

20. Dezember 2014

Havanna – Vor einer Woche waren wir noch mitten drin. Dort ist es nicht nur laut, es stinkt auch gewaltig. Als wir an einer belebten Straßenkreuzung eine halbe Stunde auf den Hop On Hop Off Bus warten mußten, spürte ich schon leichte Übelkeit in mir aufsteigen. Die zahlreichen Oldtimer sind zwar wunderschön anzusehen, entpuppen sich aber als Lärm- und Dreckschleudern sondergleichen. Die meisten Autos werden als Taxis verwendet und sind mehr oder weniger gut gepflegt. Bei manchen hat man jedoch das Gefühl, bei der nächsten Bodenwelle würden sich alle Blechteile voneinander verabschieden. Es klappert und röhrt, dass es eine Freude ist. Aber, und das ist jetzt mal schon supertoll – man kann in der ersten Reihe zu dritt nebeneinander sitzen, ohne angeschnallt sein zu müssen! Gurte gibt es sowieso keine, Nackenstützen schon gar nicht, und oft auch keine (bzw. keine funktionierenden) Blinker. Aber das macht nichts, denn kubanische Autofenster sind prinzipiell immer offen und man kann ja auch mit der Hand blinken – bzw. mit dem ausgestreckten Arm – direkt aus dem Fenster nach links, oder über das Dach drüber nach rechts.

Wer in Kuba mit dem Auto fährt oder mitfährt, braucht jedenfalls ein starkes Nervenkostüm und verpflichtend !!! eine Auslands- Krankenversicherung. Abgesehen von der bisweilen fraglichen Verkehrstüchtigkeit der Fahrzeuge gibt es noch einige andere Faktoren, die einem in Europa lebenden Menschen durchaus Sorgen bereiten könnten. Der Zustand der Straßen beispielsweise. Riesige Schlaglöcher auf langen Geraden, die ein Tourist, der selbst ein Auto lenkt, niemals erahnen könnte, das selbstbewußte Tempo der Fahrer, das auch bei Dunkelheit oder eingeschränkter Sicht nicht reduziert wird, oder das Vorhandensein anderer Verkehrsteilnehmer, die sich zeit- und lichtmäßig in einem Paralleluniversum zu bewegen scheinen.

Radfahrer etwa, die oft paarweise auf einem Gefährt und nicht selten in die Gegenrichtung unterwegs sind oder pittoreske Pferdegespanne, Ochsenkarren, museale Mopeds, stinkende Traktoren, querende Rinder- oder Ziegenherden und vor allem – zahlreiche Fußgänger. Natürlich alle unbeleuchtet und vorzugsweise auf der Autobahn. Des Weiteren, und das habe ich dort durchaus noch als zarte Steigerung empfunden, gibt es immer wieder unvermittelt von links oder rechts „ins Bild“ tretende oder hüpfende Menschen, die entweder mitfahren wollen, oder diverse Waren wie Kartoffel oder Orangen zum Verkauf anbieten! Falls sie keine Waren dabei haben, wollen sie einfach mitfahren. Autostoppen ist für viele Kubaner die einzige Möglichkeit von A nach B zu kommen. Fahrzeuge besitzen sie selbst nicht, Busse sind entweder überfüllt, zu teuer oder sie fahren erst gar nicht, und ein Bahnticket ist so ähnlich wie ein Lottoschein: ob der Zug sich in die richtige Richtung bewegt und ob bzw. wann er ankommt ist gar nicht oder bestenfalls mit Hilfe einer Kristallkugel vorhersehbar. Ich jedenfalls halte es nach einer Weile für besser, beim (Mit-)Fahren nur mehr aus dem Seitenfenster zu schauen und die wunderschöne Landschaft zu betrachten… (uuuuahhh!). Computerspiele braucht man hier definitiv keine, denn alle Hindernisse sind ganz echt…!!

Wir sind auf dem Weg zurück in den Norden. Vor einigen Tagen haben wir wieder ein Taxi bestellt, das uns von Trinidad, dem südlichstem Punkt unserer Reise in Richtung unseres Abflughafens bringen soll. Diesmal ist das Taxi jedoch klein, sehr klein. Drei Personen, drei Koffer, ein Fahrer und ein Fahrzeug in der Größe eines Smart. Oder Mini. Oder Fiat Panda. Jedenfalls nicht das, was wir uns für eine 440km lange Fahrt erwartet haben! Und bitte, wohin mit den Koffern? Der Chauffeur ist  zielstrebig, unbeirrt und gut ausgerüstet: mit einem langen Seil. Flink hievt er, ehe wir es uns anders überlegen können, zwei unserer Koffer auf’s Dach des Gefährts. Den dritten quetscht er in den Kofferraum. Los geht’s.

Auf dem Weg durch eine große landwirtschaftlich genutzte Ebene rast er in abenteuerlicher Geschwindigkeit auf eine querende Ziegenherde zu, die er wie von Zauberhand hupend von der Straße fegt. Die nächste Herde hat anscheinend keine so guten Ohren und bewegt sich nicht vom Fleck. Erstaunlicherweise gelingt es ihm aber, das Fahrzeug rechtzeitig zum Stillstand zu bringen. Ich atme tief aus und schaue aus dem Seitenfenster.

Als ich zur Abwechslung wieder einmal meinen Kopf nach vorne bewege und durch die Windschutzscheibe blicke, sehe ich, dass die Landstraße, auf der wir uns befinden, zeitweilig nur einspurig befahrbar ist. Eine der beiden Spuren ist komplett bedeckt mit irgendwelchen Körnern, die von – meiner Ansicht nach sehr mutigen – Menschen mit einem Rechen ausgebreitet werden, während wir mit etwa 100 kmh vorbeibrausen. Der Taxifahrer klärt mich auf: diese „mutigen“ Menschen sind ganz normale Bauern, die hier ihren frisch geernteten Reis zum Trocknen auf der Straße auslegen. Kommt uns ein Fahrzeug entgegen, weichen wir aus und fahren einfach über den Reis drüber. Aha! Praktisch ist das. Optimale Raumnutzung. Mir wird schlagartig klar, warum in Kuba Reis meistens mit schwarzen Bohnen vermischt gegessen wird. Mhm. Lecker.

Cardenas, die „Stadt der Kutschen“, das Ziel unserer heutigen Etappe ist erreicht. Ich bin heilfroh, unbeschadet aus dem Auto auszusteigen und dass mein Koffer auf dem Dach die lange Reise scheinbar auch gut überstanden hat. Wie er jetzt aussieht, weiß ich noch nicht. Jedenfalls ist er noch immer da, das ist beruhigend. Wir übernachten in einem Privatquartier, das irgendjemand von irgendjemand empfohlen bekommen hat. Drei Sterne bekommt es keine, sicher auch nicht zwei. Wir sind fix und fertig von der langen Fahrt und nur für eine Nacht hier, also egal.

Wir sind sehr hungrig, Unser Gastgeber bringt uns, ja zerrt uns quasi zielstrebig in ein Lokal. Subtext: „Es gibt hier nur dieses eine Lokal und das ist supertoll (und gehört meinem Freund) und ihr blöden Touristen, ihr – wagt es ja nicht, woanders hinzugehen!“ Wir landen in einem Pseudo-Hardrockcafe mit heftiger Zwangsbeschallung (jau, wir haben super Musik hier!), die nur ungern und nach mehrmaligem Bitten leiser gedreht wird. Wir sind die einzigen Gäste auf der oberen Terrasse. Unten gibt es ein paar Stammgäste. Nach einem mittelmäßigen Essen bei Diskolicht fallen wir bald erschöpft ins Bett.

Das Haus liegt an einer stark befahrenen Straße. Wir hören hier das erweiterte Spektrum bisher gewohnter nächtlicher kubanischer Lautmalerei: klappernde Pferdehufe, quietschende Kutschenräder, knatternde Oldtimer, röhrende Mopeds, sprechende, lachende, rufende Menschen, Musik, eine nahe Garage (Werkstatt?)… Beim Versuch, das Fenster zu schließen, müssen wir feststellen, dass es gar keines gibt. Jedenfalls nichts, was man hätte schließen können. Im Fensterrahmen befinden sich nur Holzlamellen, weiß gestrichen, sehr hübsch anzusehen. Die Frischluftversorgung für die Nacht ist garantiert! Mein Reisepartner packt wieder mal die Ohropax aus, ich mache die Augen zu, höre abwechselnd Autos vorbeidröhnen, Menschen schwatzen und Pferdehufe klappern und beginne mich nach dem Gesang des Hahnes und des Brotverkäufers in Trinidad zu sehnen…

31. Jänner 2015