Endlich. Es ist zwei Uhr früh. Der letzte Hahnenschrei ist soeben verklungen, wir können beruhigt einschlafen. Wenn nicht wieder irgendwo ein Hund zu bellen beginnt, oder laut klappernd eine Pferdekutsche vorbeifährt, oder ein antiquiertes Motorrad. Ich wünsche mir zumindest ein wenig Schlaf, so etwa ein, zwei Stunden? Dann beginnt sowieso der Hahn wieder. Erst einer, dann alle anderen. Und der singende Brotverkäufer macht seine erste Runde durch die noch finstere Straße: „Pan, Pan Criollo“ schreit er mit dem Federvieh um die Wette, stimmlich mindestens ebenso begabt wie die hier allseits beliebten Haustiere: in Trinidad haben alle einen Vogel! Und wer bitte kauft überhaupt um diese Zeit schon Brot?!

Trinidad, eine Stadt an der kubanischen Karibikküste im Süden der Insel ist nichts für akustisch sensible Menschen. Mein Partner, ein Musiker mit feinen Ohren, hat glücklicherweise einen ausreichenden Vorrat an Ohropax mitgebracht. Unsere 13-jährige Tochter schläft zum Glück noch überall gut, egal wo und wie. Mich selbst nervt der nächtliche Lärm zwar auch, aber als Kind des Orients kann ich mich nach einer gewissen Zeit daran gewöhnen. Der Schrei des Muezzin in der Morgendämmerung gehört zu meinen frühesten Erinnerungen an meine Kindheit in Kabul, wo ich gelernt habe, akustisch Unliebsames bei Bedarf auszublenden.

Am nächsten Morgen müssen wir trotz Unausgeschlafenheit jedenfalls früh aus den Federn. Unsere Pferdekutsche, eine gummibereifte, dachlose Pritsche mit hölzerner Sitzbank, wartet bereits auf uns, denn in der kühlen Morgenfrische reist es sich bequemer. Ein gut gelaunter, dunkelhäutiger Mann in roten Hosen, kariertem Hemd, breitem Lächeln und Cowboyhut begrüßt uns in passablem Englisch und weist uns unseren Platz zu. Platz ist übertrieben, aber es geht sich irgendwie aus, Po an Po zu viert auf der engen, harten Bank.

Wir verlassen das Dorf landeinwärts in Richtung Escambray Gebirge, müssen aber nach kurzer Zeit windigen, frischen Fahrgenusses leider schon wieder aussteigen. Die Straße führt steil bergab und die Kutsche wäre mit unserem Gewicht nicht zu bremsen, also heißt es jetzt, ein Weilchen zu Fuß laufen.

In der Talsohle dürfen wir wieder einsteigen und es geht hurtig dahin. Unser Reiseführer plaudert ausgiebig freundlich mit uns und erzählt von ehemaligen Zuckerrohrplantagen, Sklaven und Dampfeisenbahnen, die es hier einmal gab. Über uns kreisen große Raubvögel, die man sehr oft und auf der ganzen Insel sieht, ebenso wie die seltsamen weißen, storchartigen Stelzvögel, die immer in Begleitung eines befreundeten Rindes zu sein scheinen. Der Mann mit dem Cowboyhut gibt erstaunlich fachkundige Antworten auf meine zahlreichen naturkundlichen Fragen und nach einer Weile stellt es sich heraus: er ist Tierarzt. Eigentlich. Ausgebildeter Tierarzt. Nämlich. Ja, in Kuba studieren, das ist einfach, es kostet auch nichts. Nur den Beruf ausüben, das ist eine andere Sache. Das macht er jetzt nicht mehr, es sei denn, ein Freund braucht Hilfe bei der Geburt eines Kalbes, oder so. Aber mit den Touristen und seiner Kutsche verdient er jetzt ein Vielfaches seines staatlichen Tierarztgehaltes.

Und dann, aus heiterem Himmel, ganz plötzlich, passiert etwas, das ich zwar kommen sehe, aber nicht abwenden kann. Also, ich habe einfach zu wenig Zeit, um rechtzeitig angemessen zu reagieren: das Pferd, ein brauner, stattlicher Hengst mit beachtlichem Hinterteil, hebt in vollem Lauf seinen Schwanz in die Höhe und es ergießt sich eine braune, gut geformte Masse auf das Trittbrett und auf meine Turnschuhe. Converse. Dunkelblau. Vorher jedenfalls. Mit Blättern und Taschentüchern beseitige ich notdürftig das Debakel, unser Reiseleiter vergrößert den Abstand zwischen Pferd und Kutsche und schon geht es weiter. „Sorry, Lady.“

Nach etwa einer halben Stunde weiteren fröhlichen Fahrens, Plaudens und Staunens parken wir unser Gefährt unter einem riesigen Mangobaum. Wir machen Rast auf einem Bauernhof, der möglicherweise aus dem vorigen oder vielleicht sogar aus dem vorvorigen Jahrhundert zu stammen scheint. Ein paar selbst zusammengezimmerte Tische, Baumstämme als Sitze, darüber ein Strohdach, und fertig ist die Raststation. Zur Begrüßung gibt es frisch gepreßten Zuckerrohrsaft mit Zitrone, sehr süß, nicht unteuer, aber köstlich, und ein Bierchen für unseren Herrn Doktor.

Der Wirt, ein geborenes Fotomodell, gesellt sich zu uns. Ein vor sehr langer Zeit geborenes Fotomodell zwar, aber durchaus eine Erscheinung, und sehr typisch für Kuba: dunkelhäutig, in Jeans und kariertem Hemd, mit Hut und Gitarre, einem charmanten Lächeln, nahezu zahnlos. Im Reiseführer heißt es, auf dieser Insel würde Spanisch geprochen, aber davon merke ich hier kaum etwas. Dieser Kauderwelsch ist mir neu und vor allem komplett unverständlich. Egal, der alte Mann lacht, was das Zeug hält und hat eine Freude, die ansteckend wirkt. Als er sich dann anschickt, ein Lied zum Besten zu geben, bin ich wirklich restlos beeindruckt: Troubadix hätte es nicht besser machen können. Die Gitarre vollkommen verstimmt, die Melodie und der Rhythmus vollkommen zusammenhanglos. Entweder er hat Arnold Schönberg und die Neutöner studiert oder, was ich eher vermute, er war eigentlich vollkommen taub.

Bisher haben wir in Kuba ausschließlich exzellente, gekonnt dargebotene Live-Musk gehört, in jedem einzelnen Lokal. Das hier bleibt mir aber in besonderer Erinnerung, wirklich skuril und absolut einzigartig. Nach dieser kulturellen Bereicherung – und das meine ich nicht abwertend – wollen wir unsere Reise fortsetzen. Vorher noch mal kurz austreten und dann geht es weiter…

Der Weg zur „Toilette“ führt durch das Tiergehege. Ich stapfe durch ein freudiges Durcheinander an allem, was man auf einem Bauernhof traditionellerweise zu finden vermag, zuzüglich einer Riesenratte in einem leider sehr klein geratenen Käfig. Ich erinnere mich, darüber gelesen zu haben, dass dieses Tier mittlerweile eine vom Aussterben bedrohte Art ist, die einst in großer Zahl vorhanden, den Eingeborenen mangels anderer auf der Insel endemischer Säugetierarten als schmackhafte Nahrung diente. Das letzte seiner Art? Mitleidig wende ich meinen Blick auf die andere Seite.

Eine Frau in Gummistiefeln, mit buntem Tuch auf dem Kopf kommt mit einem Kübel und schüttet etwas Unerkennbares in einen der Länge nach aufgeschlitzten Autoreifen. Allgemeine Fütterung. Danach geht alles unheimlich schnell. Eine große Menge Hühner eilt herbei, gefolgt von ein paar Gänsen und Enten, etwa fünf Ferkel stossen grunzend dazu, stellen sich sofort laut schmatzend mitten in den aufgeschlitzten Reifen und verdrängen einen Großteil der Hühner, zwei Hunde versuchen auch ein paar Bissen zu erhaschen, während die drei Katzen das Freßspektakel aus einiger Entfernung zu überwachen scheinen. Ich frage mich, ob bei diesem Anblick das Herz eines europäischen Biobauern vor Freude hüpfen oder eher stehen bleiben würde? Ich bin mir nicht ganz sicher.

Etwa eine Stunde später schwimmen wir in einem kleinen Naturbecken unter einem Wasserfall im Regenwald. Wären nicht noch so viele andere Touristen hier, könnte man es als echtes kleines Stück vom Paradies bezeichnen. Auf dem Weg zurück zu unserem Gefährt, das wir unter dem mächtigem Blätterdach eines Mangobaumes zurückgelassen hatten, gibt es noch ein Tässchen Urwald Kaffee: pechschwarze Bohnen, im hölzernen Mörser zerstampft, in einem verbeulten, fragilen Alukännchen aufgekocht und durch einen sehr betagt aussehenden Stoff-Filter gegossen. Der hatte in seinem früheren Leben wahrscheinlich als Socke gedient. Also ziemlich sicher sogar. Ein für Kaffehaus-Hygiene zuständiger Beamter (aus Nordamerika z.B.) wäre wohl beim bloßen Anblicks dieses Cafes verstorben, wir staunen und genießen das edle, schwarze und äußerst schmackhafte Getränk, lauschen den zarten Geräuschen des Waldes und dem Lachen der miteinander scherzenden Kutscher.

20. Dezember 2014

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