Havanna – Vor einer Woche waren wir noch mitten drin. Dort ist es nicht nur laut, es stinkt auch gewaltig. Als wir an einer belebten Straßenkreuzung eine halbe Stunde auf den Hop On Hop Off Bus warten mußten, spürte ich schon leichte Übelkeit in mir aufsteigen. Die zahlreichen Oldtimer sind zwar wunderschön anzusehen, entpuppen sich aber als Lärm- und Dreckschleudern sondergleichen. Die meisten Autos werden als Taxis verwendet und sind mehr oder weniger gut gepflegt. Bei manchen hat man jedoch das Gefühl, bei der nächsten Bodenwelle würden sich alle Blechteile voneinander verabschieden. Es klappert und röhrt, dass es eine Freude ist. Aber, und das ist jetzt mal schon supertoll – man kann in der ersten Reihe zu dritt nebeneinander sitzen, ohne angeschnallt sein zu müssen! Gurte gibt es sowieso keine, Nackenstützen schon gar nicht, und oft auch keine (bzw. keine funktionierenden) Blinker. Aber das macht nichts, denn kubanische Autofenster sind prinzipiell immer offen und man kann ja auch mit der Hand blinken – bzw. mit dem ausgestreckten Arm – direkt aus dem Fenster nach links, oder über das Dach drüber nach rechts.

Wer in Kuba mit dem Auto fährt oder mitfährt, braucht jedenfalls ein starkes Nervenkostüm und verpflichtend !!! eine Auslands- Krankenversicherung. Abgesehen von der bisweilen fraglichen Verkehrstüchtigkeit der Fahrzeuge gibt es noch einige andere Faktoren, die einem in Europa lebenden Menschen durchaus Sorgen bereiten könnten. Der Zustand der Straßen beispielsweise. Riesige Schlaglöcher auf langen Geraden, die ein Tourist, der selbst ein Auto lenkt, niemals erahnen könnte, das selbstbewußte Tempo der Fahrer, das auch bei Dunkelheit oder eingeschränkter Sicht nicht reduziert wird, oder das Vorhandensein anderer Verkehrsteilnehmer, die sich zeit- und lichtmäßig in einem Paralleluniversum zu bewegen scheinen.

Radfahrer etwa, die oft paarweise auf einem Gefährt und nicht selten in die Gegenrichtung unterwegs sind oder pittoreske Pferdegespanne, Ochsenkarren, museale Mopeds, stinkende Traktoren, querende Rinder- oder Ziegenherden und vor allem – zahlreiche Fußgänger. Natürlich alle unbeleuchtet und vorzugsweise auf der Autobahn. Des Weiteren, und das habe ich dort durchaus noch als zarte Steigerung empfunden, gibt es immer wieder unvermittelt von links oder rechts „ins Bild“ tretende oder hüpfende Menschen, die entweder mitfahren wollen, oder diverse Waren wie Kartoffel oder Orangen zum Verkauf anbieten! Falls sie keine Waren dabei haben, wollen sie einfach mitfahren. Autostoppen ist für viele Kubaner die einzige Möglichkeit von A nach B zu kommen. Fahrzeuge besitzen sie selbst nicht, Busse sind entweder überfüllt, zu teuer oder sie fahren erst gar nicht, und ein Bahnticket ist so ähnlich wie ein Lottoschein: ob der Zug sich in die richtige Richtung bewegt und ob bzw. wann er ankommt ist gar nicht oder bestenfalls mit Hilfe einer Kristallkugel vorhersehbar. Ich jedenfalls halte es nach einer Weile für besser, beim (Mit-)Fahren nur mehr aus dem Seitenfenster zu schauen und die wunderschöne Landschaft zu betrachten… (uuuuahhh!). Computerspiele braucht man hier definitiv keine, denn alle Hindernisse sind ganz echt…!!

Wir sind auf dem Weg zurück in den Norden. Vor einigen Tagen haben wir wieder ein Taxi bestellt, das uns von Trinidad, dem südlichstem Punkt unserer Reise in Richtung unseres Abflughafens bringen soll. Diesmal ist das Taxi jedoch klein, sehr klein. Drei Personen, drei Koffer, ein Fahrer und ein Fahrzeug in der Größe eines Smart. Oder Mini. Oder Fiat Panda. Jedenfalls nicht das, was wir uns für eine 440km lange Fahrt erwartet haben! Und bitte, wohin mit den Koffern? Der Chauffeur ist  zielstrebig, unbeirrt und gut ausgerüstet: mit einem langen Seil. Flink hievt er, ehe wir es uns anders überlegen können, zwei unserer Koffer auf’s Dach des Gefährts. Den dritten quetscht er in den Kofferraum. Los geht’s.

Auf dem Weg durch eine große landwirtschaftlich genutzte Ebene rast er in abenteuerlicher Geschwindigkeit auf eine querende Ziegenherde zu, die er wie von Zauberhand hupend von der Straße fegt. Die nächste Herde hat anscheinend keine so guten Ohren und bewegt sich nicht vom Fleck. Erstaunlicherweise gelingt es ihm aber, das Fahrzeug rechtzeitig zum Stillstand zu bringen. Ich atme tief aus und schaue aus dem Seitenfenster.

Als ich zur Abwechslung wieder einmal meinen Kopf nach vorne bewege und durch die Windschutzscheibe blicke, sehe ich, dass die Landstraße, auf der wir uns befinden, zeitweilig nur einspurig befahrbar ist. Eine der beiden Spuren ist komplett bedeckt mit irgendwelchen Körnern, die von – meiner Ansicht nach sehr mutigen – Menschen mit einem Rechen ausgebreitet werden, während wir mit etwa 100 kmh vorbeibrausen. Der Taxifahrer klärt mich auf: diese „mutigen“ Menschen sind ganz normale Bauern, die hier ihren frisch geernteten Reis zum Trocknen auf der Straße auslegen. Kommt uns ein Fahrzeug entgegen, weichen wir aus und fahren einfach über den Reis drüber. Aha! Praktisch ist das. Optimale Raumnutzung. Mir wird schlagartig klar, warum in Kuba Reis meistens mit schwarzen Bohnen vermischt gegessen wird. Mhm. Lecker.

Cardenas, die „Stadt der Kutschen“, das Ziel unserer heutigen Etappe ist erreicht. Ich bin heilfroh, unbeschadet aus dem Auto auszusteigen und dass mein Koffer auf dem Dach die lange Reise scheinbar auch gut überstanden hat. Wie er jetzt aussieht, weiß ich noch nicht. Jedenfalls ist er noch immer da, das ist beruhigend. Wir übernachten in einem Privatquartier, das irgendjemand von irgendjemand empfohlen bekommen hat. Drei Sterne bekommt es keine, sicher auch nicht zwei. Wir sind fix und fertig von der langen Fahrt und nur für eine Nacht hier, also egal.

Wir sind sehr hungrig, Unser Gastgeber bringt uns, ja zerrt uns quasi zielstrebig in ein Lokal. Subtext: „Es gibt hier nur dieses eine Lokal und das ist supertoll (und gehört meinem Freund) und ihr blöden Touristen, ihr – wagt es ja nicht, woanders hinzugehen!“ Wir landen in einem Pseudo-Hardrockcafe mit heftiger Zwangsbeschallung (jau, wir haben super Musik hier!), die nur ungern und nach mehrmaligem Bitten leiser gedreht wird. Wir sind die einzigen Gäste auf der oberen Terrasse. Unten gibt es ein paar Stammgäste. Nach einem mittelmäßigen Essen bei Diskolicht fallen wir bald erschöpft ins Bett.

Das Haus liegt an einer stark befahrenen Straße. Wir hören hier das erweiterte Spektrum bisher gewohnter nächtlicher kubanischer Lautmalerei: klappernde Pferdehufe, quietschende Kutschenräder, knatternde Oldtimer, röhrende Mopeds, sprechende, lachende, rufende Menschen, Musik, eine nahe Garage (Werkstatt?)… Beim Versuch, das Fenster zu schließen, müssen wir feststellen, dass es gar keines gibt. Jedenfalls nichts, was man hätte schließen können. Im Fensterrahmen befinden sich nur Holzlamellen, weiß gestrichen, sehr hübsch anzusehen. Die Frischluftversorgung für die Nacht ist garantiert! Mein Reisepartner packt wieder mal die Ohropax aus, ich mache die Augen zu, höre abwechselnd Autos vorbeidröhnen, Menschen schwatzen und Pferdehufe klappern und beginne mich nach dem Gesang des Hahnes und des Brotverkäufers in Trinidad zu sehnen…

31. Jänner 2015

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