Tag Nummer 6 – Freitag der 20. März. Die Corona-Krise hat Europa, ja die ganze Welt fest im Griff. Plötzlich ist alles anders. Nichts wird so sein wie davor. Um das zu begreifen, braucht es schon mal ein paar Tage. Viel nachdenken, versuchen, einen Rhythmus finden. Mit der Familie sein – wir zu dritt: Vater, Mutter, Kind. Meine 91 jährige Mutter, die nebenan wohnt, nur via Telefon oder mit großem Sicherheitsabstand zu betreuen. Sich täglich fragen: schafft sie’s jetzt auch wirklich alleine?

Meine Stimmung ist in diesen Tagen sehr schwankend – zunächst eher fröhlich – von „juhuu, endlich viel Freizeit, mal nicht unterrichten müssen…“ bis zu niedergeschlagen „auweia, wie soll ich in naher Zukunft über die Runden kommen, ohne Zusatzeinkünfte wie Unterrichten und Auftritte?“ Panik. Gefühle des Eingesperrt -Seins. Ich muß meine Fixkosten reduzieren. Die Stadtwohnung kündigen.

Seit dieser Woche sind alle Schulen geschlossen, Restaurants, Theater, Kinos, Cafes, Bühnen… unser gesamtes öffentliche Leben beschränkt sich auf den Lebensmittel Einkauf, allenfalls Apotheke, Spazierengehen mit dem Hund meiner Mutter. Abstand halten zu Menschen. Die Luft anhalten, wenn jemand entgegen kommt. 100x am Tag Händewaschen. Bloß nix berühren und sich dann ins Gesicht greifen, ins Auge, …Nasenbohren…!!! Automatisch ziehe ich schon die Ärmel runter, wenn ich eine Türklinke berühre, Huste in meine Armbeuge, versuche, nichts anzuhauchen, und weiche dem Atem meines Kindes aus…

Gestern aber haben wir viel gelacht. Ich habe die Federballschläger aus der Garage geholt und wir haben bei herrlichem Frühlingswetter miteinander gespielt, was das Zeug hält. Ein paar Tage davor haben wir zu dritt einen ausgedehnten Spaziergang im Wald unternommen. Ich denke, für meine Tochter ist das etwas Neues bzw. der letzte Ausflug in die Natur ist sicher schon ewig her und frage nach: ja, das letzte Mal war sie vor einem halben Jahr (!) draußen spazieren. Bei einem Familientreffen im Herbst. Jetzt nimmt sie plötzlich die Natur wahr und stellt Fragen – wir reden über Bienen, Bäume, Berge und Blumen. Das ist schön und verbindet. Wie Vieles andere auch, jetzt.

Wir essen gemeinsam, wir kochen täglich frisch, wir haben Zeit, Dinge in Ordnung zu bringen, den Garten, die Garage. Wir reden miteinander, schauen uns gemeinsam Filme an, spielen Karten. Meine Tochter bäckt, telefoniert, putzt ihr Zimmer, macht dazwischen ihre Lernaufträge. Letztens hat sie mir sogar bei einem Bild geholfen, Flächen auszumalen. Ich male wieder. Eigentlich geht es uns ganz gut. Keine Hektik, keine Termine, kein Stress. Der Alltag definiert sich neu. Ich habe einen Rhythmus gefunden, mache täglich mein Yoga. Die Tage sind einander ähnlich, aber das macht nichts.

Interessant ist, wie wenig man braucht. Ich verdiene kein Geld (außer mein Fixum von der Musikschule) aber ich verbrauche auch keines. Keine Ausgaben für Reisen, Essen gehen, Trinken, diverse Eintritte, Benzin, Kosmetika, Friseur, Gewand… nix. Nur Lebensmittel und laufende Fixkosten (Telefon, Internet, Energie, Wasser… blabla). Spannende Zeiten. Reduktion auf das Wesentliche. Miteinander. Musik von den Balkonen und Terrassen der Nachbarschaft um 18:00. Schön. Egal ob gekonnt, oder weniger toll, es ist die Intention und das Gefühl, was zählt. Crazy somehow.

Hat sich das alles vielleicht jemand ausgedacht???

Titelbild: „We Are All Connected“ Mix Media on Canvas, 50 x 50 cm, Renate Reich März 2020

20-März-20

2 Kommentare
  1. Robert Hailwax
    Robert Hailwax sagte:

    toll
    dass Du/Ihr die Situation mit so viel Humor trägt. Ich freue mich schon auf ein baldiges Wiedersehen, brav zuhause und vor Allem gsund bleiben. Liebe Grüße BOB.

    Antworten
    • rreich_admin
      rreich_admin sagte:

      Hallo Bob, schön, dass Du mich auch hier besuchst… die nächste Geschichte kommt bald! Ja, auf ein baldiges analoges Wiedersehen 🙂 Xund bleiben!

      Antworten

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.